Oliver Rath: „Wenn ich was mache, dann extrem.“

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Oliver Rath mit Rathgold

Oliver Rath mit Rathgold

Der Fotograf Oliver Rath hat eine Mission. Mit seiner Factory rückt er ihrer Erfüllung ein Stück näher

Vor gerade einmal fünf Jahren zog Oliver Rath von Freiburg nach Berlin. Einst erfolgreicher DJ, packte ihn die Lust an der Fotografie. Inzwischen ist der Autodidakt einer der angesagtesten Fotografen der Hauptstadt. Aber seine Mission geht weiter. Mit der Rath Factory hat er sich einen Raum für Kreativität geschaffen.

Nur einen Steinwurf vom Roten Rathaus entfernt befindet sich die Rath Factory in einem Künstler- und Kreativen-Domizil, einer der letzten zentralen und gleichzeitig ruhigen Oasen in Berlin. Goldene Lettern über dem Eingang, zwei seiner bekannten Motive vor den vergitterten Fenstern. „Wir experimentieren noch“, sagt Oliver Rath. „Ich will wissen, wie sich die goldene Sprühfarbe und das Fotopapier mit dem Sonnenlicht vertragen.“

Wir, das sind er und seine Mitarbeiter im Fotostudio mit Handwerksbetrieb und Nähstudio. „Wir schneidern hier auch Kostüme und basteln Bilderrahmen.“ Motto: Am liebsten selbst gemacht. Aus der Lust am Probieren, aber auch aus Kostengründen. Manchmal hat der Fotograf, Musiker („Ich kann Klavier!“), Maler („Ein großer Dank geht an meine Kunstlehrerin.“) und Handwerker schon Angst, dass er sich übernimmt, aber die Aktie Rath steigt immer weiter im Kurs. Gerade kommt er zurück aus Avignon, Frankreich. „Dort habe ich den Sohn von Catherine Deneuve fotografiert.“ Davor war er in Paris als Präsident der Jury beim Amateur-Fotowettbewerb Vincennes Images Festival, und auf der Art Basel organisierte er eine Off-Show. Aber Oliver Rath ist erst bei fünf Prozent. „Ich habe eine Mission. Mein Traum ist es, großartige Bilder zu machen.“

Goldjunge

An den hohen Wänden der Rath Factory hängen prominente Motive, von der Decke Fotowände und Requisiten. Und immer wieder präsent ist die Farbe Gold: an Stühlen, Wasserleitungen, sogar der Staubsauger ist goldig. Andy Warhol nannte sein berühmtestes Studio Silver Factory, weil er es mit Alufolie ausgekleidet und reichlich silberne Sprühfarbe benutzt hatte. „Die Rath Factory ist nicht als Hommage gedacht“, sagt Oliver, obwohl er Warhol als Künstler schätzt. „Vielmehr war es mal wieder an der Zeit für eine Factory. Und weil hier im Keller ein riesen Tresor steht, in dem Erich seine Goldbarren gelagert hat, kam ich auf die goldene Sprühfarbe.“ Von der hat er sich inzwischen eine eigene mischen lassen: Rath Gold. „Wir arbeiten gerade an einem Schwarz.“


Die kleine Tochter wuselt durch die Factory, bemalt mit Kreide und bastelt mit Knet. Eine befreundete Schauspielerin wartet auf ihren Fototermin mit Oliver. „Mir ist langweilig!“ Generation Facebook. Oliver Rath, Jahrgang 1978, hat in kurzer Zeit mit seinem Fotoblog für Öffentlich- und Aufmerksamkeit gesorgt, ist auf Facebook, Instagram und Twitter aktiv und veröffentlicht Videos auf Youtube. Ein Medienjunkie? „Manchmal wird mir das auch wirklich zuviel. Ich will ja eigentlich arbeiten und frei sein oder Zeit mit meiner Familie verbringen und mit meiner Tochter auf den Spielplatz gehen. Ich mache deshalb manchmal mein Handy aus und bin eine Woche nicht erreichbar. Andererseits liebe ich meine Fans und freue mich, wenn mir jemand schreibt, dass ich ihn oder sie zum Lachen oder Nachdenken gebracht habe.“

Insbesondere Facebook macht Arbeit. Dort hat man zwar nichts gegen Waffennarren und IS-Rekrutierer, aber weibliche Brüste oder gar Nippel sind verboten. Und Oliver zeigt gerne nackte Tatsachen: „Wir werden nackt geboren, das ist doch das Natürlichste auf der Welt.“ Unzensiert gibt es Olivers Fotos nur auf seinem Blog und im Fotoband. Für die sozialen Netzwerke montiert er Sternchen ein. „Ganz schön aufwändig. Trotzdem hat mich Facebook neulich auf unbegrenzte Zeit gesperrt. Ich musste mit einem Anwalt klagen, dass es sich hierbei um Kunst handelt. Ich habe nichts gegen Kritik, aber wenn mich Leute melden, weil sie meine Inhalte für unsittlich halten, sollen sie lieber wegschalten.“
Ist das nicht ein Zwiespalt? Die Menschen schätzen einerseits deine Fotos, die Konzerne buchen dich für deine Fotokünste, und trotzdem verbannen sie dich öffentlich. „Genau deshalb lese ich gerne Bücher vom Anfang des letzten Jahrhunderts, denn ich will wissen, wie es die Menschen vor diesem ganzen Kommerz, gemacht haben. Früher konnten sie sich noch eher beherrschen, ist mein Eindruck. Ich mache zwar auch alles extrem, aber selbst mir tut es gut, mal einen Tag Pause einzulegen und nichts zu tun.“ Die kleine Tochter verteilt ihren Müsliriegel an die Besucher der Factory. „Obwohl ich Medien intensiv für mein Marketing nutze, stehe ich ihnen kritisch gegenüber. Wenn die Kleine den ganzen Tag gespielt und gemalt hat, dann darf sie auch mal Biene Maja gucken. Aber sie sitzt bestimmt nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher und verrottet.“

Die Geister zu bändigen, die man rief, ist manchmal gar nicht so einfach. Den Erfolg hat sich Oliver Rath hart erarbeitet. Vom darbenden Neuling in der Großstadt zum angesagten Fotografen und Künstler, mit dem sich die Reichen und Berühmten gerne schmücken. „Wenn ich nicht inzwischen eine Marke wäre, würden die so einen dünnen, tätowierten Atzen doch rausschmeißen“, meint Oliver. Mit der Popularität steigen die Angebote und Einladungen, die Termine mit feinem Abendessen. „Das gehört dazu, aber ich kann mich schließlich nicht ständig nur amüsieren. Darunter würden meine Arbeit und meine Familie leiden. Zum Glück kann ich mir inzwischen aussuchen, wo ich hingehe. Und da ist mir ein Abend beim Kumpel oder eine versiffte Party in einem Club lieber als ein schickes Mitte-Ding.“
Und wie kommt Rath runter nach all dem Rummel, nach einem Tag, an dem jeder was von einem wollte, im Studio, in den sozialen Netzwerken?
„Siebzehn Jahre lang habe ich mir die Birne weggekifft um einzuschlafen können. Aber mit zwei Kindern geht das nicht. Außerdem habe ich Lust zu arbeiten. Und Drogen, und zuweilen auch das Internet, sind eine Bremse, die ich nicht gebrauchen kann. Heute lese ich, bis mir die Birne wegfliegt. Viel über Spiritualität, zumal ich neulich dem Tod ein zweites Mal von der Schippe gesprungen bin. Beim ersten Mal war es ein Surfunfall. Ich wurde am Strand angespült und wiederbelebt. Kürzlich war es ein Drogentrip, nach dem ich vor eine persönliche Entscheidung gestellt wurde. Seither ist Schluss damit und ich reagiere mich lieber im Fitnessstudio ab.“
Klick, fieps, klick, schnell ein paar Bilder von den neuen Sprühdosen mit eigenem Logo gemacht. Gleich ist die Schauspielern dran, am Abend ein weiterer Termin. Und was wird die Factory in Zukunft noch produzieren? „Ich lasse mich von meinem Instinkt leiten“, sagt Oliver. „Ich liebe die Fotografie und sie ist Teil meines Geschäfts. Aber die Kamera ist doch nur ein Handwerkszeug. Wenn ich Lust habe, dann male ich wieder mehr. Ich lasse mich überraschen.“

Info und Links:
www.rath-photografie.de
www.facebook.com/rathphotografie

© Text und Fotos Boris Nowack

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