Interview mit dem Sozialpsychologen Andreas Zick über Obdachlose, Vorurteile, Superpenner

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Superpenner-Comic-Aufstart

Der Superpenner-Comic aus Berlin ist seit Tagen in aller Munde, seit heute im Verkauf und vielleicht bald in vieler Hände. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der Werbeagentur Scholz & Friends und der Straßenzeitung strassenfeger, erdacht, geschrieben und gezeichnet von Stefan Lenz.
Schon vor der Veröffentlichung wurde darüber diskutiert, in der Redaktion, mit den Verkäufern und Obdachlosen auf der Straße. Ein Obdachloser, ein sogenannter Penner, der ausgerechnet durch Bier zu Superkräften gelangt. Zu klischeehaft? Zu unkorrekt? Oder deshalb genau das Richtige zum jetzigen Zeitpunkt? Denn Obdachlose, das erforscht Andreas Zick, Professor für Sozialisation am Institut für interdisziplinäre Gewalt- und Konfliktforschung (IKG) der Universität Bielefeld, seit Jahren, sind zunehmend Vorurteilen und Anfeindungen ausgesetzt.

Boris Nowack: Herr Zick, Ihre Meinung zum Comic?

Andreas Zick: Mutig! Denn es geht ja um zwei Zielgruppen. Zum einen die Wohnungslosen selbst, die Leute, die den strassenfeger verkaufen. Und dann das Publikum, die Leser. Das ist quer gedacht.

Es werden viele Klischees von Obdachlosen aufgegriffen. Ist das nicht kontraproduktiv?

Es gibt in der Forschung den Rebound-Effekt. Je stärker man Bier und Superpenner assoziiert, umso mehr bestärkt das die Vorurteile. Dagegen kommt man eigentlich nicht an. Denn wer seine Vorurteile aufrechterhalten will, hält diese auch aufrecht. Man muss sich eben darauf einlassen und es humorvoll nehmen. Es führt auf jeden Fall zur Diskussion und das ist gut. Ich sehe darin nichts Diskriminierendes.

In Ihrem Artikel für die Sonderausgabe des strassenfegers im Juli 2013 schrieben Sie, dass viele den Obdachlosen ihre Menschlichkeit absprechen. Und hier haben wir einen Obdachlosen mit übermenschlichen Kräften.

Die abgesprochene Menschlichkeit wird zur Übermenschlichkeit. Wenn man sich dagegen andere Comics und Aufklärungsmaterial anschaut, von der Bundeszentrale für politische Bildung etwa, die machen das immer so moralin. Das ist hier nicht der Fall. Das Moralische fehlt. Es ist mühevoll gezeichnet, und wenn sich eine Kunstform so bemüht, dann ist das gut. Man kann schmunzeln über den Superpenner.

Auch andere bekommen ihr Fett weg: der BND als das Böse, die unhöflichen Berliner Busfahrer, die Ökomuttis …

Eben, alle werden überzogen dargestellt. Das macht mich neugierig. Ich habe ihn von vorne bis hinten gelesen, was ich bei Comics nicht so oft mache.

Was sind die üblichen Anfeindungen gegenüber Obdachlosen?

In unseren Studien erfahren wir oft, Penner, Wohnungs- und Obdachlose seien unnütz und taugten nichts, brauchen Hilfe und stellen auch noch Ansprüche. Wer Menschen danach beurteilt, was sie leisten, ist besonders anfällig für Vorurteile. Das bricht beim Superpenner, weil der enorm viel leistet.

Wie könnte man das Verständnis für Obdachlosigkeit verbessern?

Wir versuchen, Obdachlose und Nichtobdachlose zusammenzubringen. Die gute alte Kontakthypothese ist ungeheuer wichtig. Nicht nur Information über die Lage, sondern echter Kontakt. Obdachlosigkeit wird primär als selbst verursacht wahrgenommen: leistungsschwach, Alkohol etc. Das erklärt aber nur einen Teil, nicht jedoch den biografischen. Es muss möglich sein, dass man Schüler und Studenten einmal im Jahr in Kontakt mit Wohnungslosen bringt und mit denen über ihre Lage redet. Nur wenn man authentische Geschichten hört und Fragen stellt, bauen sich Vorurteile ab.

Sie schreiben, dass die Akzeptanz in den Schichten unterschiedlich verteilt ist.

In den letzten Jahren konnten wir beobachten, dass die Einkommensstarken ihre Solidarität zurückziehen, während unter den armen Menschen eine ungebrochene Solidarität herrscht.

Nimmt die Solidarität um die Weihnachtszeit zu?

Die Solidarität ändert sich nur punktuell. Die Deutschen spenden viel ins Ausland, je weiter weg die Not ist, umso mehr wird gespendet. Für die hiesigen Wohnungslosen ist die Weihnachtszeit die härteste Zeit. Dabei geht es nicht nur um ökonomische Spenden. Viele erfahren wieder, dass es da die glücklichen, normalen Menschen gibt, das wollen sie auch, haben es aber verloren. Das versteht die Mehrheit nicht.

Haben Sie Wünsche an die kürzlich zustande gekommene neue Regierung?

Ich hoffe, dass das Thema Solidarität, das die SPD ja bei ihrer Gründung motiviert hat, wieder aufgegriffen wird. Wir brauchen einen stärkeren Fokus auf Sozial- statt Sicherheitspolitik. In der letzten Regierung gab es ja abenteuerliche Vorstellungen, was man alles mit Arbeitslosen machen kann. Da es jetzt eine bürgerliche und sozialdemokratische Bewegung gibt, hoffe ich wieder auf eine Lobby für die, die am meisten gefährdet sind, diskriminiert zu werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

© Text und Foto Boris Nowack

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