Jugendarbeit mit Aussicht auf Erfolg

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Im Don-Bosco-Zentrum in Marzahn bekommen gestrandete Jugendliche die Chance auf eine Ausbildung

Von der S-Bahnhaltestelle Raoul-Wallenberg-Straße aus ist das Don-Bosco-Zentrum Berlin schon zu sehen. Vor dem Eingang stellen gerade ein paar Schüler der Robert-Bosch-Berufsschule Stuttgart das erste Element des neuen Zauns am Fahrradständer auf. Für eine Woche sind sie zu Gast in Berlin. Bei diesem einzigartigen Projekt arbeiten Jugendliche der Sonderberufsschule Metalltechnik aus Stuttgart mit Berliner Jugendlichen zusammen.

Schüler der Robert-Bosch-Schule-Stuttgart installieren einen Metallzaun für das Don-Bosco-Zentrum Berlin-Marzahn

Schüler der Robert-Bosch-Schule Stuttgart installieren einen Metallzaun für das Don-Bosco-Zentrum Berlin-Marzahn

Es geht um Praxis, Netzwerke knüpfen und soziale Kompetenz. „Das Selbstbewusstsein ist hinterher ein ganz anderes“, erläutert Anne Bücheler, Schulartbeauftragte für Jugendliche in Fördermaßnahmen an der Robert-Bosch-Schule. „Unsere Schüler haben sich immer beschwert, dass sie kein anständiges Praktikum machen können. Hof kehren und Wände streichen, aber nichts mit Metallarbeiten.“ Über die Jugendarbeit war der Kontakt zu Don Bosco schnell hergestellt. „So wenden unsere Schüler ihr Wissen an und nehmen von hier wieder etwas mit“, ist Bücheler zufrieden.

Erst polieren, dann installieren

Erst polieren, dann installieren

Philip von der Robert-Bosch-Schule Stuttgart schmiedet eisern unter Anleitung von Rainer Schultz vom Don-Bosco-Zentrum Berlin

Philip von der Robert-Bosch-Schule Stuttgart schmiedet eisern unter Anleitung von Rainer Schultz vom Don-Bosco-Zentrum Berlin

In der Werkstatt haut derweil Konstruktionsmechaniker Philip aus Stuttgart mit einem riesigen Hammer auf ein glühendes Stück Eisen, immer unter den wachsamen Augen von Rainer Schultz, gelernter Metallbauer. Ein typisches Wendekind, wie er sagt. Die Lehre war mit der Wende verloren, im Westen noch mal neu gelernt, danach zwölf Jahre Soldat und anschließend ein Studium. Als letztes Jahr in der Manege Don Boscos das Projekt NeO (Niedrigschwellige erlebnisreiche Orientierung) gegründet wurde, bewarb er sich als Sozialarbeiter. „Nicht so doll!“, weißt er Philip an, „Nicht die Struktur rauskloppen!“ Aus einem einfachen Stück Eisen sollen die Stuttgarter einen mit einem Steinbockkopf verzierten Flaschenöffner schmieden.

Handgeschmiedete Flaschenöffner

Handgeschmiedete Flaschenöffner

Einfach nur mit viel Hitze im Feuer und Kraft im Arm. „Ich kann schweißen und Metall mit einem Laser schneiden, aber geschmiedet habe ich noch nie“, gibt Philip schwitzend zu. Bei Rainer Schultz lernen die Metalltechniker, welche Farbe die Feuerglut und das Eisen haben müssen, damit man es bearbeiten kann. Mit den eigenen Schülern war er kürzlich auf dem Kunstfest in Pankow, um Geschmiedetes zu präsentieren. „Anerkennung für die eigene Arbeit ist wichtig“, betont er.

Daniela Hartmann

Daniela Hartmann

Eine Perspektive und Möglichkeiten zur Ausbildung bieten, das sind die Ziele der Manege gGmbH, die in gemeinsamer Partnerschaft mit dem Männerorden der Salesianer Don Boscos und dem katholischen Frauenorden der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel (SMMP) in Marzahn die Jugendarbeit macht. Einem der Randbezirke, in dem viele Familien im unteren Einkommensbereich wohnen und die Kinder wenig Erfolgserlebnisse haben. Selbst mit gutem Realschulabschluss stehen die Chancen auf einen Ausbildungsplatz schlecht, wenn in der Bewerbung Marzahn-Hellersdorf steht.
Vor sechs Jahren war der Orden vom gutbürgerlichen Wannsee hierher umgezogen.
„Zur Einweihung des Zentrums sagte Pater Otto Nosbisch über den Standort: ‚Don Bosco wäre in Berlin auch nach Marzahn gekommen’“, erinnert sich Daniela Hartmann. Sie ist stellvertretende Leiterin der Manege und Leiterin der Ausbildungsabteilung Küche. „Fast alle unsere Jugendlichen sind im ALG-II-Bezug, unter 25 und haben zu Dreiviertel keinen Schulabschluss. Viele schickt das Jobcenter, hier können sie den Schulabschluss nachholen und eine Ausbildung machen.“ Neben Metall und Küche gehören noch Büro und Verkauf sowie Maler und Trockenbau zu NeO.

Werkstatt im Don-Bosco-Zentrum Berlin

Werkstatt im Don-Bosco-Zentrum Berlin

Malerausbildung im Don-Bosco-Zentrum Berlin

Malerausbildung im Don-Bosco-Zentrum Berlin

Ein Beratungsbus steht wochentags an verschiedenen Stellen im Ort bereit, um Jugendlichen bei Bewerbungen, Anträgen oder Amtsangelegenheiten zu helfen. Der offener Bereich bietet Jugendlichen rund um die Uhr Hilfe in der Not, etwa bei Zank mit den Eltern, sogar eine Notschlafstelle gibt es. „Probleme kommen nicht montags bis freitags von 9-15 Uhr“, weiß Daniela Hartmann. Sie kritisiert, dass in Deutschland stets von Kräftemangel die Rede sei, sich aber niemand mit jenen beschäftigen will, die durch das herkömmliche Schulsystem fallen. „Da liegt ein riesiges Potential brach.“ Rund 300 Jugendliche können im Don-Bosco-Zentrum lernen, mit einer Perspektive zu leben, der eigenen Hände Arbeit Geld zu verdienen und so einen Platz in der Gesellschaft.
Am Ende der Woche steht der Metallzaun am Fahrradständer. Mit Laser ausgeschnitten, geschweißt und blank mattiert. Na also, Schwaben und Berliner vertragen sich doch.

Infos: http://www.donbosco-berlin.eu

© Text und Fotos Boris Nowack

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