„Ich rappe so lange ich etwas zu erzählen habe“

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Sprechgesang auf spanisch: Der mexikanische Rapper Luardo veröffentlicht sein drittes Album

Treffpunkt ist ein gemütliches Moabiter Café. Luardo entspannt sich zu einem Wälzer des Fantasyautors George R. R. Martin in der spanischen Übersetzung. Spanisch ist auch seine erste Wahl der Waffen für jeden Battle. So nennt man es, wenn Rapper gegeneinander antreten. Wer die fieseren und raffinierteren Reime aus dem Stehgreif auf den anderen niederprasseln lässt, gewinnt. So kennt man es spätestens seit dem Film ‚8 Mile’, der angeblich Eminems Geschichte und Aufstieg in den schwarzen Olymp des amerikanischen Raps erzählt.

Luardo

Der mexikanische Rapper Luardo


Der Film inspirierte Luardo. „Als Jugendliche hörten wir in Mexiko Rap und Hip-Hop aus den USA. Rap auf Spanisch gab es fast nicht.“ Das war vor etwas über zehn Jahren. „Mir gefiel, wie und was Eminem in seinen Songs über sein Leben sagt, also schrieb ich anfangs schlechte Texte auf Englisch.“ Auch für Luardo war ein Battle die Aufnahmeprüfung. Nach einem Auftritt in seiner Highschool kam ein Typ auf die Bühne und forderte ihn heraus. „Es war wie im Film“, erinnert er sich. „Mein Gegner schlug mich zwar, lud mich danach aber ein, seiner Gruppe von mexikanischen Rappern beizutreten. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass es noch andere in der Gegend gab.“ Sie nannten sich ‚Em Família’ und gaben kleine Konzerte und traten auf Volksfesten oder in Bars auf. Nach einem Demotape verlief sich die Sache zwar, aber Luardo wusste nun, dass Rap auf Spanisch möglich war. Die Musik für elf der 16 Stücke seiner ersten Platte ‚Caballero del Reino’ (Ritter des Königreichs) produzierte er selbst auf einem ausgeliehenen Keyboard, den Rest kaufte er von Produzenten. „Ich höre zuerst den Beat und schreibe dann dazu meine Lyrics.“

Prima Leben im deutschen „Ghetto“

Die sind politisch, sozialkritisch, nachdenklich. ‚Conscious Rap’ nennt man das in der Szene. Luardo hält wenig vom Gangsterrap. Das klingt anfangs vielleicht cool, ist aber doch eher lächerlich. Und überhaupt, was sollte er als Kind der Mittelklasse, in die sich seine Eltern hochgearbeitet haben, schon vom Ghetto erzählen. Er schätzt den deutschen Rap und Hip-Hop, kann aber über so manches Gehabe nur schmunzeln: „Kein Rapper von hier kann behaupten, er käme aus dem Ghetto. Das sogenannte Ghetto hier ist der Himmel auf Erden für mexikanische und amerikanische Rapper. Als ich in Berlin das Ghetto sehen wollte und nach Neukölln fuhr, dachte ich mir, hier lässt es sich prima leben.“
Das erste Album gab es mit allem Drum und Dran: Booklet, Fotos, gepresster CD, Hologramm auf der Plastikhülle. Theoretisch für den Verkauf im Laden, aber das ist nur symbolisch. „Dank der ausgedehnten Piraterie in Mexiko kauft niemand CDs. Nur nach Konzerten wird man ein paar los.“ Das geht anderen Bands ebenso. Zwar hat sich die spanische Rapszene in zehn Jahren verändert. Früher gab es in Luardos Heimatstadt Morelia, vier Stunden westlich von Mexiko-Stadt, nur zwei Handvoll Rapper und heute an jeder Ecke einen. Aber die Unterstützung insbesondere für Newcomer ist längst nicht so groß wie in den USA oder Europa. „Die Musikindustrie in Mexiko ist ein Scheiß“, schimpft Luardo. „Die fördern vor allem Volksmusik. Rap bringt nicht genug Geld.“

Tercer Mundo

An seinem dritten Album ‚Tercer Mundo’ (Dritte Welt) hat Luardo ein gutes halbes Jahr gearbeitet. Worum es geht? „Mein Leben hat sich in Berlin verändert“, stellt er fest. „Und obwohl ich legal hier lebe, fühle ich mich doch immer als Ausländer und es wird mir bewusst, dass ich aus der Dritten Welt komme. Das Album ist ein Vergleich dieser Welten und wie ich den Kulturschock wahrnehme.“ Zeitgemäß kommt das Album als Download raus. Kostenlos. „Mir ist es wichtiger, Empfehlungen und Likes auf Facebook zu bekommen und meine Fans zu erreichen.“
Geld? Das verdient sich Luardo als studierter Informatiker in Berlin im Computergeschäft. Ruhm? Viel wichtiger. Reich und berühmt sterben? Am besten unter 30. Dafür hat er noch drei Jahre Zeit. „Zu spät, ich weiß“, grinst Luardo. Aber das macht nichts. Rap ist seine Leidenschaft und seine Art, sich auszudrücken. „Ich mache Rap, so lange ich was zu erzählen habe.“ Und vielleicht ergibt sich mit dem dritten Album das erste Konzert in Berlin. Und ein Battle. Unblutig.

Luardo

Info: https://www.facebook.com/luardorap

© Text und Fotos Boris Nowack

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