Einfach zum Wegwerfen!

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Gegen den frühen Verschleiß von Gebrauchsgegenständen regt sich zunehmend Kritik

Geplante Obsoleszenz ist das Schlagwort im Kampf enttäuschter Kunden gegen Hersteller. Es bezeichnet den geplanten oder vorzeitigen Verschleiß eines Geräts, damit der Kunde möglichst bald ein neues kauft. Kein Hersteller gibt das offen zu, aber die Möglichkeit der Vernetzung betroffener Kunden via Internet und Austausch über Erfahrungen macht das Konzept immer offensichtlicher.

"Funktionstüchtiger" Fernseher am Wegesrand in Berlin

„Funktionstüchtiger“ Fernseher am Wegesrand in Berlin


Neu ist diese Taktik nicht. 1932 argumentierte Bernard London in seiner Schrift „Ending the Depression through Planned Obsolescence“ (Beenden der Depression durch geplante Obsoleszenz) zur Hochzeit der Wirtschaftskrise, dass Verbraucher mit Schuld an der Krise hätten, die ihre Produkte viel länger als von den Herstellern erwartet nutzten. Auch forderte er die Regierung auf, Produkte zerstören zu lassen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Heutzutage eigentlich undenkbar, wo gerade Konservative weniger staatliche Einmischung in die sogenannte freie Marktwirtschaft fordern. Doch es erinnert an die Umwelt- oder Abwrackprämie, die die schwarz-gelbe Regierung 2009 an jene bezahlte, die ihr Auto verschrotten ließen und ein neues kauften – auf dass es der Industrie besser ginge.

iPods: Paradebeispiele für geplante Obsoleszenz

iPods: Paradebeispiele für geplante Obsoleszenz

Erneut in den Fokus gerät der geplante Verschleiß mit Sicherheit auch dank des großen Erfolgs von iPods, Smartphones und Tablettcomputern. Die sind nämlich oft so gebaut, dass der Nutzer selbst keinen Austausch des Akkus oder der Festplatte vornehmen kann. Sind diese defekt oder verbraucht, soll er sich ein neues kaufen. Anführer dieser Methode ist hier mit Sicherheit Apple. Schon der erste iPod von 2001 war so konstruiert, dass der Otto-Normalnutzer einen Akkuwechsel nicht selbst vornehmen konnte. Auch die Computer von Apple sind äußerst schwer selbst zu öffnen. Kyle Wiens und Luke Soules gründeten deshalb 2003 die Plattform ifixit.com, was soviel heißt wie ‚Ich repariere es‘, aber auch an die Apple-Produkte mit dem i-Präfix angelehnt ist. iBooks und iPods waren die ersten Kandidaten, dann wurde jedes neue Produkt auseinander genommen (tear down), um anderen die Reparatur zu erklären. Inzwischen werden auch andere Geräte und Hersteller seziert. Seit neuestem gibt es eine Rangliste der Reparaturfähigkeit von Tablettcomputern.

Auch andere Alltagsgegenstände sind vom vorzeitigen Verschleiß betroffen. In vielen Haushalten stehen noch Waschmaschinen und Stereoanlagen aus den 80er und 90er Jahren, die weiterhin ihren Dienst tun (wenn auch mit mehr Strom- oder Wasserverbrauch). Wer aber heute neu kauft, darf sich oft auf frühen Ersatz einstellen. Da wird Plastik an stark strapazierten Stellen in Waschmaschinen verbaut, wo früher Metall zum Einsatz kam, oder es werden minderwertige Kondensatoren (Elektrobauteile im Centbereich) verwendet, die nach Ausfall ein ganzes Gerät außer Gefecht setzen.

Der Betriebswirt und Unternehmensberater Stefan Schridde macht darauf auf seiner Seite murks-nein-danke.de aufmerksam. Er möchte Betroffene verbinden und zum Austausch anregen und den Murks der Hersteller öffentlich präsentieren. Neben der Internetplattform sind daher auch ein Showroom und ein Repair-Café geplant. Es soll eine politische Debatte anregen, damit geplante Obsoleszenz wenn nötig gesetzlich verboten werden kann. Da die Beweisführung schwer ist, ist eine Zusammenarbeit der Verbraucher auf Plattformen ein guter Anfang, denn chancenlos ist man auch gegen milliardenschwere Konzerne keineswegs. Es hängt zwar immer auch von der Gesetzeslage in den einzelnen Ländern ab. Doch auch gegen Apple haben Verbraucher in der Vergangenheit des öfteren erfolgreich geklagt und etwa eine Verlängerung der Garantiezeit und damit den kostenlosen Austausch von defekten Geräten erreicht.
Letztendlich entscheidet ohnehin der Verbraucher: In die Kaufentscheidung sollte unbedingt die Reparaturmöglichkeit oder Anfälligkeit eines Artikels mit einbezogen werden. Und wenn alte Geräte noch funktionieren, braucht man sie vielleicht nicht unbedingt zu ersetzen oder kann sie zumindest anderen zur Verfügung stellen. Der BSR-Verschenkmark der Berliner Stadtreinigung aber auch mob e. V.  mit dem Trödelpoint im Prenzlauer Berg bieten hierfür eine ideale Möglichkeit.

Sperrmüll, wie man ihn in Berlin entsorgt

Sperrmüll, wie man ihn in Berlin entsorgt

www.ifixit.com/Tablet_Repairability
www.murks-nein-danke.de
www.bsr-verschenkmarkt.de

© Text und Fotos Boris Nowack

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