Geistesblitz in Schwarz-Weiß

Standard

Eine ganz besondere Art Fotoautomaten ziert seit neun Jahren das Stadtbild Berlins

Wer hätte gedacht, dass in Zeiten digitaler Handyfotografie ausgerechnet uralte Fotoautomaten für Schwarz-Weiß-Bilder die Aufmerksamkeit von Jung und Alt auf sich ziehen? Asger Doenst und Ole Kretschmann stellen seit 2004 genau diese Kabinen in freie Ecken Berlins – weil sie selbst davon begeistert sind.

Schwarzweißfotoautomat in der Schönhauser Allee

Schwarz-Weiß-Fotoautomat in der Schönhauser Allee

Schwarzweißfotoautomaten in Berlin
„Zur Zeit müssten es so um die zwanzig sein“, sagt Asger Doenst. Der Plan auf der Website photoautomat.de sollte zwar immer recht aktuell sein. So ganz sicher ist sich Asger jedoch nicht. „Das ändert sich ab und zu, weil ein Standort wegfällt und wir einen neuen suchen müssen.“ Die kleinen Kabinen brauchen nur wenige Quadratmeter Platz. Trotzdem muss man die in Berlin erst mal finden. Und dann mieten. Oftmals muss ein Automat einer Baustelle weichen. So zum Beispiel in der Kastanienallee, wo lange Zeit einer der historischen Fotoapparate stand und auch gut besucht war. Irgendwie gehörte er schon zum Straßenbild, nun ist er weg.

In der Schönhauser Allee stehen gleich drei Stück. Am unteren Ende, kurz vor der Kreuzung zur Torstraße stehen trotz der Kälte zwei junge Frauen vor einem Automaten. Sie warten darauf, dass das Gerät den neuen Streifen ausspuckt. Bis zu fünf Minuten kann das dauern. In der Hand hält Juliane ein ganzes Bündel der länglichen Abzüge. „Immer wenn wir in Berlin sind, gehen wir in einen Fotoautomaten“, erzählt sie. „Wir haben schon über 70 Strecken. Wenn immer wir einkaufen gehen, in einem der Ramschläden zum Beispiel, überlegen wir, ob etwas gut im Fotoautomaten aussehen würde.“ Ihre Freundin Thea stimmt zu: „Wir setzen uns gerne mit Kostümen und Perücken in die Automaten. Zu zweit ist das kein Problem. Wir haben uns aber auch schon zu fünft oder sechst reingezwängt.“

Schwarzweißfotoautomaten in Berlin
Juliane studiert Kommunikationsdesign und interessiert sich für Fotografie. „Ich habe mit analoger Fotografie angefangen und ein bisschen rumgespielt, auch mit Lomografie und verschiedenen Film- und Entwicklungsarten. Ein Freund hat mich überredet, mich mal in einen Fotoautomaten zu setzen. Damit ging es los.“

Schwarz-Weiß-Fotoautomaten-Fans

Schwarz-Weiß-Fotoautomaten-Fans

Aber was ist das Faszinierende daran, in Zeiten, wo jeder ein Telefon mit Kamera bei sich hat? „Die Überraschung“, sagt Juliane. „Man weiß nicht, was dabei rauskommt. Es geht schnell und jede Strecke ist einzigartig, weil es kein Negativ davon gibt.“ Auch für Thea ist die spannende Erwartung dabei wichtig: „Man zieht Fratzen und will wissen, ob sie gut geworden sind, ob die Qualität gut ist und der Automat gerade gut eingestellt ist, damit man vernünftige Bilder erhält.“
Juliane zeigt auf zwei dunklere Streifen. „Die haben wir an einem anderen Automaten gemacht, wo die Chemie wohl anders gemischt ist. Vielleicht liegt es am Fixierer. Das Alter der Automaten hat einen unglaublichen Charme. Manchmal sind die Bilder am Rand etwas ausgefranst. Die modernen Farbautomaten sind doch langweilig.“ Thea nickt: „Da könnte man sich gleich eine Digicam nehmen und selbst fotografieren. Außerdem ist das matte Papier dieser Automaten schöner als das glatte, glänzende der modernen Farbautomaten.“
Schwarzweißfotoautomaten in Berlin
„Dass Bilder manchmal heller oder dunkler belichtet sind, hat etwas mit den Temperaturschwankungen zu tun“, erklärt Ole Kretschmann. Überhaupt spielen mehrere Aspekte eine Rolle, die die Bilder besonders machen und sie von anderen Automaten unterscheiden: Die Optik, das Papier, der analoge Prozess. Apropos analog, wo die Kretschmann/Doenst GbR für die Bestückung der Automaten all die Materialien herbekommt, bleibt Betriebsgeheimnis. Wenn selbst ehemals große Firmen der Analogfotografie wie Kodak Abschied von der alten Technik nehmen, dürfte es immer schwieriger und damit teurer werden, authentisches Material und Bauteile zu bekommen. Seit bald zehn Jahren kostet ein Viererstreifen nur zwei Euro. „Und das bleibt auch so“, versichert Ole. Die beiden sehen das weiterhin als künstlerisches Projekt und wollen kein kommerzielles Franchiseunternehmen daraus machen. Deshalb werden auch die Automaten in den anderen Städten, Hamburg, Köln und Leipzig, sowie Wien, Florenz und London, von Bekannten und Freunden gewartet. Aus der Not heraus geboren, hat sich das Projekt längst als erfolgreich etabliert und ist ein Vollzeitjob. Doch Doenst und Kretschmann sind weiterhin in ihren eigentlichen Berufen tätig, Kameramann und Drehbuchautor. Es gab eine Zeit, da lief es nicht so gut. Man schlug sich mit Mini- und Ausbeuterjobs rum, die entweder kein Geld einbrachten oder nichts mit dem gelernten Beruf zu tun hatten. „Ich war froh, Geld vom Amt bekommen zu können, als ich mich in einer Lebensphase befand, in der ich nicht als Autor und Selbständiger auf eigenen Beinen stehen konnte. Der Sozialstaat ist eine Errungenschaft, die es zu bewahren und schützen lohnt“, sagt Ole. „Der Erfolg von Photoautomat war unerwartet und entspringt meinem Bestreben, immer wieder Neues auszuprobieren.“ So ein neues Projekt gibt es. Diesmal digital: „KluuU.com ist ein von mir erfundenes Netzwerk, das es Menschen erlaubt, voneinander zu lernen, sich auszutauschen und zu unterstützen und auf Wunsch mit ihrem Wissen sogar Geld zu verdienen.“ Auf der Website sind Gespräche und Chats mit Video möglich, virtuelle Expertentreffen, gewissermaßen. Auch zum Photoautomaten gibt es einen regelmäßigen Stammtisch.

Die Kunststudentinnen aus London lieben den Photoautomaten

Die Kunststudentinnen aus London lieben den Photoautomaten

Die Schönhauser Allee noch ein Stück runter und über die Torstraße. Direkt gegenüber einem großen Hostel steht noch ein Photoautomat. Vielleicht nicht mehr lange, denn dahinter tut sich schon eine Baustelle auf. Zwei Kunststudentinnen aus England warten auf den zweiten Streifen Bilder. „Unser Rückflug geht gleich, aber das wollten wir noch mitnehmen. Wir nutzen immer dieselben drei Automaten, wenn wir in Berlin sind.“ Dass auch in London zwei solche Automaten stehen wussten die beiden nicht und schreiben sich schnell die Internetadresse auf: photoautomat.de.

Schwarzweißfotoautomaten in Berlin

© Text und Fotos Boris Nowack

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s