Alles Gute, ÖPNV!

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Ansturm in der U-Bahn
Der öffentliche Personennahverkehr in Berlin steckt seit Jahren in der Krise. Im neuen Jahr muss es besser werden

Gute Vorsätze fürs neue Jahr sind eigentlich ein völlig überflüssiges Ritual. Denn wer etwas verändern möchte, kann und sollte das jederzeit tun und nicht das nächste Jahr abwarten. Das ist bloß wieder ein Grund zum Aufschieben. Prokrastination perfekt.
Und dennoch, dem Berliner öffentlichen Personennahverkehr wünscht man Besserung fürs Jahr 2013 und hofft, dass er sich viele gute Vorsätze zu Herzen nimmt und umsetzt. Denn im vergangenen Jahr gab es praktisch keinen Monat, in dem der hiesige ÖPNV nicht Negativschlagzeilen machte und die Nerven seiner Fahrgäste strapazierte, ihre Zeit stahl oder gar ihr Leben in Gefahr brachte. Ganz egal ob S-Bahn oder Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit ihren U-Bahnen, Bussen und Trams, irgendwo bestimmte immer eine Baustelle, technisches Chaos oder Personalmangel (!) den eingeschränkten Fahrplan.


Die S-Bahn feiert im neuen Jahr ein rundes Jubiläum: fünf Jahre S-Bahnkrise. Hans-Werner Franz vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg hält diese auch noch lange nicht für beendet, wie er gegenüber der Abendschau sagte. Dafür sei zu wenig qualifiziertes Personal im Einsatz und auch an der Technik mangele es. Zu Spitzennegativzeiten waren 2012 nur ein Drittel der Züge auf den Schienen, das sei ein Nachkriegsrekord. Schlecht außerdem: Das Chaos bleibt auch im Ausland nicht unbemerkt, was einen Reputationsverlust für Deutschland bedeute.

Auch Werner Müller vom Fahrgastverband Pro Bahn sieht einen Negativtrend, zumal sich die Zustände mit dem Wintereinbruch wie jedes Jahr erneut verschlechtert haben. Das liegt zum Teil an alter Technik, die ohnehin in wenigen Jahren ausgetauscht und bis dahin ständig repariert werden muss. Manchmal spielt menschliches Versagen eine Rolle. Wie beim Highlight, oder besser Lowlight, im letzten Jahr, der Entgleisung der S-Bahn im August in Tegel. „Der Schaden für die S-Bahn ist enorm“, erklärt Müller, „denn so ein Unfall verunsichert die Fahrgäste sehr.“ Berlin schneidet im Vergleich zu anderen Großstädten schlecht ab, bemerkt er, allerdings fallen Pannen woanders auch weniger auf, weil die Fahrgastzahlen und Taktzeiten niedriger sind.

Gewalt auf Bahnhöfen und in Zügen

Ein dunkles Kapitel ist die Kriminalität in Zügen und in und um Bahnhöfe in Berlin. Letztes Jahr gab es wieder zahlreiche Schwerverletzte und sogar Tote nach Schlägereien und Übergriffen. Es reicht schon, einen Mitfahrer auf das selbstverständliche Rauchverbot aufmerksam zu machen, um Prügel zu kassieren. Werner Müller spricht sich deshalb für mehr Videoüberwachung und eine bundeseinheitliche Datenschutzregelung bezüglich der Aufzeichnungen aus, damit Täter im Nachhinein gefunden und bestraft werden können. Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband IGEB e. V. hingegen wünscht sich wieder mehr Personal auf den Bahnhöfen: „In Dienstkleidung, um Präsenz zu zeigen und Hilfe anzubieten, aber auch, um die Hausordnung durchzusetzen.“ Dass Züge und Bahnhöfe kein rechtsfreier Raum sind, muss wieder bei den Menschen ankommen. Wieseke würde sich deshalb gelegentlich ein paar „spektakuläre Aktionen“ wünschen, die widerspenstigen Fahrgästen – wenn nötig auch mit Hilfe der Polizei – zeigen, dass Verstöße tatsächlich auch geahndet werden. Es braucht nicht mehr Verbote, wie etwa das kürzlich eingeführte (und von niemandem bemerkte) Ess- und Trinkverbot in U-Bahnen, sondern das Bewusstsein unter den Berlinern, dass Benimmregeln ernst gemeint sind und Verstöße bestraft werden. Wieseke rät auch den Fahrgästen: „Tut Euch zusammen! Wenn einem Störenfried von mehreren Umstehenden gesagt wird, dass sein Verhalten nicht erwünscht ist, verlässt dieser oft genug beim nächsten Halt den Wagen.“
Auf Aufklebern tut das seit ein paar Jahren die rothaarige BVG-Stewardess Betty, Sinnbild für Rücksicht unter den Fahrgästen. Sie wirbt mit dem Spruch „Erlebe Berlin.“ Besser wäre wohl inzwischen „Überlebe Berlin.“
Lieber ÖPNV, werde bald wieder gesund. Wir brauchen dich.

© Text und Foto Boris Nowack

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