Lara gibt Kraft – Das Berliner Krisen- und Beratungszentrum Lara hilft Frauen, die sexuelle Gewalt oder Belästigung erfahren

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sexuelle Belaestigung
Die Aufregung über den Fehltritt der beiden Jungmoderatoren Klaas (Clever) Heufer-Umlauf und Joachim Cornelius (Joko) Winterscheidt vor ein paar Wochen war schnell verfolgen. Einer der beiden hatte für ZDFneo eine Messehostess sexuell belästigt und an Brust und Po gefasst – als infantile Mutprobe. Die Reaktionen in Publikum und Blogs schwankten zwischen Empörung bis „was soll’s.“ Dabei spielt es keine Rolle, ob das Grabschen nur angedeutet oder dass die Hostess der Ausstrahlung zugestimmt hat, sondern dass es öffentlich (und –rechtlich) ausgestrahlt wurde und dadurch der Eindruck erweckt wurde, diese Art der Annäherung an fremde Frauen sei erstens lustig und zweitens akzeptabel. Wenig glaubwürdig hören sich die Entschuldigungen der Verantwortlichen an, da Heufer-Umlauf auch noch grinsend feixte: „Die hat sich richtig entwürdigt gefühlt. Die fährt jetzt nach Hause und dann wird die schön heulen unter der Dusche.“

Alles scheiß Menschen

Alles scheiß Menschen

Ein Tabuthema

Tatsächlich ist sexuelle Belästigung und Gewalt ein großes Problem in Deutschland, das gleichzeitig totgeschwiegen wird. Weil sich die Betroffenen schämen. Eine typische Reaktion, meint Carola Klein vom „Lara Krisen- und Beratungszentrum für vergewaltigte und belästigte Frauen“ in Berlin. Lara gibt es seit vierzehn Jahren und richtet sich an Mädchen und Frauen nach der Pubertät, wobei der Schwerpunkt der Beratung auf sexueller Gewalt liegt. Allerdings wird das Thema sexuelle Gewalt in der Kindheit nicht ausgeblendet, weil viele Frauen beides erfahren haben.
Es gibt durchaus einen Unterschied zwischen Belästigung, Nötigung und Gewalt, also im schlimmsten Fall Vergewaltigung. Insbesondere im Strafrecht ist diese Unterscheidung relevant. Für viele Täter fängt es jedoch mit Belästigung an. Wenn sich Frauen nicht wehren, erscheinen sie diesen Männern unter Umständen als leichte Opfer für Schlimmeres.

Laut sein!

Dass sich Frauen nicht wehren, liegt meist in der Erziehung und Kindheit begründet. „Mädchen wird selten beigebracht, dass sie laut sein und sich abgrenzen dürfen. Die Peinlichkeit ist für viele Frauen in solchen Situationen oftmals größer als der Selbstschutz“, sagt Carola Klein. Anstatt den Belästiger oder gar Gewalttäter auf Abstand zu halten, ihn in seine Grenzen zu weisen oder andere Mitmenschen zu Hilfe zu rufen, verharren Betroffene in einer Art Totstellreflex. Insbesondere Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, haben wenig Vertrauen in andere Menschen und leben mit einem ständigen Angstgefühl. „Das führt dazu, dass sie dann in einer wirklich gefährlichen Situation nicht mehr adäquat reagieren können, etwa sich zu wehren oder wegzulaufen“, erklärt Carola Klein und fügt hinzu: „Sexuelle Gewalt macht krank.“
Bei Lara rät man den Frauen, sich zu wehren, sobald sie sich unwohl fühlen, bevor eine Grenze überschritten wird. Das kann man lernen. Dazu bietet das Beratungszentrum sogar Selbstbehauptungskurse an. Dort werden Alltagssituationen nachgespielt, damit den Frauen bewusst wird, wie viel Abstand sie eigentlich brauchen und wie sie dies anzeigen können. Es geht nicht um Kampftechniken – das bieten Kurse der Polizei oder Volkshochschulen –, sondern um Körpersprache und Selbstwahrnehmung.
Zwei Drittel der Klientinnen bei Lara sind zwischen 28 und 45 Jahre alt, doch es gibt Betroffene von 14 bis über 70 Jahre. Die Mehrzahl der Übergriffe findet im sogenannten Nahbereich statt, also seitens Partnern, Verwandten, Familie, Bekannten oder Freunden. Etwa ein Drittel sind Fremdtäter oder Kurzbekanntschaften.
Für alle Übergriffe gilt jedoch, dass sie Traumatisierungen und sogar körperliche Folgen wie Zittern hervorrufen können. Auch erst lange nach einer Tat können sich diese Beschwerden einstellen. Carola Klein rät daher: „Wir möchten, dass alle Frauen zu uns kommen, die unter den Symptomen einer Tat leiden, egal wie lange sie her ist.“
Auch Angehörige dürfen sich an Lara wenden, denn oft erzählen Frauen nur einer vertrauten Person davon und wollen (zunächst) nicht in eine Beratung. Klein betont: „Es gibt kein falsches Verhalten der Opfer. Die Verantwortung für einen sexuellen Übergriff liegt nicht bei der Frau, sondern beim Täter! Wir versuchen dann zu erörtern, wie der Person geholfen werden kann, wenn sie selbst nicht diesen Schritt zu uns machen möchte oder kann.“

Info: http://www.lara-berlin.de
Telefon: 030 / 2168888
Erstberatung jeden Mittwoch ab 12 Uhr

© Text und Fotos Boris Nowack

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