Werner Herzog drückt auf Enter – Die Deutsche Kinemathek schaltet das Werner-Herzog-Archiv online

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Filmemacher Werner Herzog

Filmemacher Werner Herzog

 

Bevor Werner Herzog im Museum für Film und Fernsehen am Potsdamer Platz sein eigenes Archiv per Knopfdruck online schaltet, wirft der Beamer ein Bild von ihm an die Wand. Zu sehen ist Herzog, wie er am Set von „Cobra Verde“ scheinbar schwer getroffen nach hinten fällt. „Da habe ich einem Statisten vorgemacht, wie er sich rückwärts krümmt, wenn er den Peitschenschlag in den Rücken bekommt. Mein Bruder fand es so merkwürdig, dass er es in unser Logo aufgenommen hat“, erzählt der Regisseur. Herzogs Bruder, Lucki Stipetić – Werner Herzog heißt eigentlich Werner Herzog Stipetić –, ist überhaupt eine wichtige Person nicht nur für dieses Projekt und ebenfalls anwesend. Er ist Geschäftsführer der Werner Herzog Film GmbH und für die Organisation und Finanzierung der Filme zuständig. Er hat das Archiv über Jahrzehnte gepflegt, Negative, Verträge, Dialog- und Untertitellisten aufbewahrt, und es 2009 an die Deutsche Kinemathek übergeben. Wenn es nach Werner Herzog gegangen wäre, wäre wohl das meiste auf dem Müll gelandet. „Über die Nachwelt mache ich mir keine Gedanken“, gibt Herzog zu. „Mein Bruder hat darauf bestanden, dass man es aufheben sollte.“ Zum Glück.

Werner Herzog und sein Bruder Lucki Stipetić

Werner Herzog und sein Bruder Lucki Stipetić

„Eine schöne, lebendige Auswahl“

Nun sind nicht nur Bilder zu 42 Filmen online einsehbar, sondern auch weitere Devotionalien, die jedes Fanherz höher schlagen lassen. Skripte, Korrespondenzen, Schnitt-, und Materiallisten seiner Filme und Beleuchtungspläne und Bühnenbildentwürfe seiner Oper- und Theaterinszenierungen. Der Umfang ist so interessant wie erschreckend. Als ob Werner Herzog nicht mehr lebte. Werner Sudendorf, der Leiter der Sammlung der Deutschen Kinemathek, betont deshalb auch, dass es sich um einen Vorlass handelt und dass hoffentlich noch viel weiteres Material zu vielen weiteren Filmen folgen wird. In Berlin ist man stolz darauf, dass das Archiv von Herzog nun gleich neben den Nachlässen von Friedrich Wilhelm Murnau und Fritz Lang zu sehen ist. Herzog und sein Bruder waren sich sofort einig über den Standort, denn eine staatliche Einrichtung bietet einer so umfangreichen Sammlung eine gewisse Sicherheit. Seinem Bruder und den Verantwortlichen bei der Deutschen Kinemathek sei eine sehr schöne und lebendige Auswahl gelungen, die die Essenz der Filme wiedergibt, ist Herzog zufrieden.

Die alte Filmschule

Auf ältere Filme und Fotos („Gott, ja, da hatte ich noch Haare auf dem Kopf.“) angesprochen, gibt sich der bayrische Autodidakt bescheiden. Fast geniert er sich für einige seiner ersten Werke wie „Herakles“, die immer noch in Retrospektiven gezeigt werden. „Das war meine Filmschule. Ich habe durch Fehler gelernt, weil ich nicht zusammenführbares Material zu einer Erzählung zusammengeführt habe. Lasst bloß die Finger davon“, sagt er scherzhaft, um gleich zu ergänzen: „Das mache ich heute zum Teil immer noch. Ein Arbeitsprinzip ist also erhalten geblieben.“ Gleichzeitig ist er stolz, dass er nun ein wenig näher ans Rampenlicht rückt und seine Filme von vor zwanzig Jahren wieder gezeigt werden. Denn er hat sich nie einem Trend gebeugt und war daher nie in einem zu finden. Es gibt auch keine Berichte von roten Teppichen oder Partys in Sensationsberichten oder Klatschblättern über ihn. Herzog lebt und arbeitet in den USA, da ist es schon eine Kunst, nicht regelmäßig in der Presse aufzutauchen und trotzdem anerkannt zu sein.
Ein wenig hat sich das in den letzten Jahren geändert. Vor zwei Jahren war er Jurymitglied der Berlinale. Ein Festival, das Film als Kunst betrachtet und auszeichnet. Er selbst hat Film nie als Kunstform empfunden: „Aber es ist eine wunderbare Erfindung und ein großartiges Instrument. Kino ist unser Bildgedächtnis. Obwohl ich selbst relativ wenige Filme sehe, wäre ich ohne Kino nicht gerne auf der Welt,“ sagt er heute. 1968 bekam Herzog auf dem Festival einen silbernen Bären für sein Spielfilmdebüt „Lebenszeichen“.

Auf Sie und Sie mit Lotte Eisner

Hier war es auch, dass er Lotte Eisner begegnete, als sie einen Vortrag hielt. Mit der Filmhistorikerin und –kritikerin verband ihn eine besondere Beziehung. „Ich war wie magnetisch angezogen von ihrer sehr merkwürdigen, eindringlichen und wunderbaren Stimme“, erinnert sich Herzog. „Ich war berührt von dem, wie sie gelebt und was sie gemacht hatte und wollte sie immer kennen lernen.“ Als er von einem Freund erfuhr, dass auch sie ihn seit Jahren kennen lernen wollte, kam man zusammen und pflegte seitdem ein sehr intensives Verhältnis. „Immer formell“, betont Herzog, „wir haben bis zuletzt Sie zueinander gesagt. Sie war wie ein Mentor für mich und eine große Quelle der Inspiration, wie sie es auch für andere Autoren des Neuen Deutschen Films war.“
Als Eisner sterben wollte, machte sich Herzog zu Fuß von München aus nach Paris auf den Weg zu ihr, weil er das nicht zulassen wollte. Als er ankam, ging es ihr wieder besser – und sie starb tatsächlich erst zehn Jahre später. Herzog machte daraus das Buch „Vom Gehen im Eis“ und sprach es später als Hörbuch ein. Mit seiner so markanten Stimme, wie man sie aus seinen Dokumentarfilmen und von den Kommentarspuren der DVDs seiner Spielfilme kennt. Ruhig, bedächtig, fast ein wenig unbeholfen, so als traue er sich nicht, Gefühle in der Sprecherkabine zuzulassen.

Werner Sudendorf, Werner Herzog, Julia Pattis und das Archivlogo aus "Cobra Verde"

Werner Sudendorf, Werner Herzog, Julia Pattis und das Archivlogo aus „Cobra Verde“

 

Vergängliche Filme

Seine Bücher sind es wohl auch, die die Zeit eher überleben werden als seine Filme, vermutet Herzog. Auf die Vergänglichkeit von Celluloid wurde er dank Lotte Eisner aufmerksam: „Von vielen Filmen aus der Weimarer Zeit ist außer ein paar Negativen nicht viel übrig geblieben.“ Neben dem Schriftlichen sind für Herzog deshalb Fotos von großer Bedeutung für den Film. Dem Setfotografen wird stets genug Raum und Zeit zur Verfügung gestellt. Von Szenen werden Fotos nicht einfach neben der Kamera gemacht. Die Kamera wird beiseite geräumt, um exakt denselben Blickwinkel zu bekommen. Wenn immer möglich auf großformatigen Negativen. Herzog zeigt auf  eine Ausnahme, ein Bild von „Into the Abyss“. Es wurde ganz schnell gemacht, weil der abgebildete Mann für die Dreharbeiten nur wenig Zeit hatte. „Ich habe ihn ganze 30 Minuten gesehen“, bemerkt Herzog. Es war gerade keine Kamera zur Hand, also machte man schnell ein Digitalbild. Nichtsdestotrotz: „Fotos sind weniger vergänglich als Filme. Und womöglich bleibt von all dem, was ich gemacht habe, nur eine Hand voll Fotos übrig.“

Der Kinski-Bändiger

Obwohl er nur wenige Filme mit Klaus Kinski gedreht hat, ist Herzog ausgerechnet für diese besonders bekannt. Er hat den Berserker besänftigt. Und beschützt: Nach den Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ boten die Ureinwohner Herzog an, Kinski umzubringen, der jeden mit seinen Wutausbrüchen verängstigt hatte. Doch Kinski war vor allem ein Selbstinszenator der Extraklasse. Herzog deutet auf ein Foto aus „Cobra Verde“, auf dem Kinski auf einem Kamerakran zu sehen ist: „Der hatte da keine Aufgabe, aber immer wenn ein Fotograf zugegen war, hat sich Kinski produziert.“ Dementsprechend ist auch das Bild aus „Mein liebster Feind“ gestellt, in dem Kinski Herzog scheinbar wutschnaubend mit einer Machete an die Gurgel geht.

Die Show wird weitergehen

Zukünftiges Material mag vielleicht weniger spektakulär ausfallen, doch Werner Herzog arbeitet fleißig. In „Jack Reacher“, der Anfang nächsten Jahres in die Kinos kommt, spielt er einen Bösewicht. „Es ist nur eine kleine Rolle, aber ich wurde gebraucht als jemand, der schreckenerregend aussieht. Das fällt mir leicht vor der Kamera.“ Und wenn es der Gott der Finanzierungen, wie es Herzog nennt, so will, dann wird es noch weitere Filme von ihm geben. Ideen hat er genug. So möchte er die von Bernd Eichinger begonnene Verfilmung von „Vernon God Little“ des australischen Schriftstellers DBC Pierre vollenden und einen Film über seine eigene Rogue Film School drehen. Diese bietet in Los Angeles viertägige Seminare an für Menschen, die noch für eine Idee brennen, die noch Träume haben. Nichts für Weicheier, wie es auf der Website heißt. Sie ist gedacht für den, der schon zu Fuß gewandert ist, als Türsteher in einer Sex-Bar oder als Aufseher in einem Irrenhaus gearbeitet hat und lernen möchte, wie man Schlösser knackt und Drehgenehmigungen für schwierige Länder fälscht. Zuschauer und Archivare dürfen gespannt sein.

© Text und Fotos Boris Nowack

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