Gefundenes Fressen — Das Kunsthaus Bethanien stellt die Hungry City aus

Standard


Auf dem Mariannenplatz vor dem Bethanien steht eine riesige, tonnenschwere Stahlskulptur. In einer Fabrik verarbeitete Hühner und Schweine landen als unser Essen auf einem Teller mit Gabel. Der Biobauer und Künstler Stephan Kreppold hat sie geschweißt. Als Protest gegen die heutige Agrarindustrie. Im Januar tourte er damit von München nach Berlin. „Wir haben es satt“ heißt das Kunststück und leitet das Thema ein, um das es in der Ausstellung geht.
Hungry City

Die Kuratoren Anne Kersten und Stéphane Bauer haben Künstler und Projekte versammelt, die sich mit Landwirtschaft, Nahrungsmittelproduktion und Nachhaltigkeit befassen. Dabei werden zeitgenössische Künstler neben solchen aus den 60er bis 80er Jahren gezeigt. Denn die Landwirtschaft spielt in der Kunst schon lange eine Rolle.
Die Hungry City wird dabei anhand verschiedener Gattungen und Genres thematisiert. So sind Fotografien, Malerei und Zeichnungen ebenso zu sehen wie Installationen, Videos und Performance.

Landwirtschaft und Stadt damals und heute
Hungry City
Die zwölf schwarzweiß Fotos aus den 70er Jahren des 2010 verstorbenen Heinrich Riebesehl zeigen das nüchterne aber idyllische Emser Landleben. Im gleichen Raum die inszenierten Farbfotos der 1972 geborenen Ève K. Tremblay aus Kanada, die die heutige Lebensmittelproduktion als etwas Naturfernes, Chemisches, Technisches darstellen und wenig Landlust versprühen.
Hungry City
Ebenfalls futuristisch muten sie an, sind dabei jedoch völlig real und unbearbeitet: die neun Farbfotografien der 1931 geborenen Künstlerin Agnes Denes, die ein Weizenfeld mitten in Manhattan zeigen. Im Vordergrund grüne und goldenen Pflanzen, ein roter Mähdrescher kreuzt das Bild, und im Hintergrund die grau-braune Megametropole mit den zehn Jahre zuvor errichteten, in der Sonne glitzernden Türmen des World Trade Centers. Dieses Beispiel macht die Thematik Ernährung einer städtischen Millionenbevölkerung mit ländlichen Erzeugnissen besonders anschaulich.
Hungry City
Mit der jüngeren Installation „Von Milch und Menschen“ dokumentiert Kristina Leko den Einfluss der EU-Agragpolitik auf Bauern in Kroatien und Ungarn, die nach dem Zusammenbruch des Sozialismus unter dem ökonomischen Druck zu leiden haben. Die in westlichen Nationen längst übliche Massentierhaltung hingegen kritisiert Insa Winkler mit ihrem Projekt „Das Eichelschwein“ von 2006, das sie dokumentiert hat und auf Video und in einem Buch zeigt: Aus einem Schweinemastbetrieb kaufte sie zehn Tiere und zog sie liebevoll auf und pflegte sie. Zu fressen bekamen sie nach traditionellem Vorbild Eicheln und liefen Rennen, die Winkler filmte. Nach der Aufzucht wurden sie geschlachtet und von den Eichelschweinegesellschaftern gegessen. Ein Aufruf zur Rückkehr zu artgerechter Haltung zum Wohle der Tiere einerseits und schmackhaftem gesunden Fleisch für den Menschen andererseits.

Nicht nur Gucken

Sehr empfehlenswert ist auch das Begleitprogramm zur Ausstellung. Auf Exkursionen, Spaziergängen und Gesprächen mit Experten kann der Besucher Landwirtschaft und Essen in der Stadt erleben, erlaufen, ertrinken. So geht es am 6. Oktober auf das Weingut Klosterhofe Töplitz, Weinprobe inklusive. Tags darauf wird in der Markthalle Neun in Kreuzberg das Erntedankfest gefeiert, Gottesdienst inklusive. Am 14. Oktober führt Hanns Heim durch verschiedene Gärten im Kiez, inklusive Prinzessinnengarten. Multikulturell geht es in einer Inszenierung am letzten Ausstellungs- und Oktoberwochenende (26.-28.) in der Markthalle Neun zu, wenn Metzger aus drei Schlachttraditionen Fleisch für das Opferfest, das Pessachfest und für Ostern vorbereiten. Zwar mit einem echten Lamm, aber da es sich um eine „theatrale Recherche“ handelt, dürfte wohl kein Blut fließen.
Mahlzeit!

Hungry City noch bis zum 28. Oktober im Kunstraum Kreuzberg / Bethanien am Mariannenplatz 2
Geöffnet täglich von 12-19 Uhr, Eintritt frei

© Text und Fotos Boris Nowack

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s