Calling Dr. Greenthumb!

Standard


Die Hobbygärtner mit den grünen Daumen vom Prinzessinnengarten brauchen Hilfe

Marco Clausen & Robert Shaw
Wenn es so viele Sendungen übers Gärtnern wie Kochsendungen im Fernsehen gäbe und Unkrautjäten so beliebt wie Heimwerkern wäre, dann wäre der Prinzessinnengarten am Moritzplatz längst zum unantastbaren Naturschutzgebiet und stolzem Prestigeobjekt der Stadt erkoren worden. Stattdessen aber droht dem kleinen grünen Garten in der großen grauen Stadt bald die Schließung.
Prinzessinnengarten

Prinzessinnengarten
Vogelgezwitscher oder Blättergeraschel von Heckengetier hört man in diesem Garten selten. Nicht, weil es keines gäbe. Doch das Tirili wird von Tatütata und dem ständig rauschenden Verkehrslärm am nur wenige Schritte entfernten geschäftigen Verkehrskreisel auf dem Moritzplatz um Dutzende Dezibel übertönt. Seit dem Sommer 2009 wächst hier ein grüner, wilder Garten heran, in dem gedeiht, was man bedenkenlos essen kann. „Wir haben Universitäten zu Rate gezogen, um zu klären, wie und ob man hier anbauen kann. Zwölf Meter Entfernung zur Straße und eine eigens angelegte Hecke dämmen die Abgase“, erklärt Elisabeth aus Schweden, die von Anfang an dabei ist und für Organisation und Projektplanung zuständig ist. Die Pflanzen lassen sie immer wieder auf Schadstoffe testen und es stellt sich heraus, dass sie locker mit Bioprodukten mithalten können.
Prinzessinnengarten
Der Verkauf dieser Produkte im Café und am Stand im Garten ist eine wichtige Einnahmequelle, denn das Projekt erhält sich selbst, ohne Zuschüsse von der Stadt. „Wer beim Gärtnern mithilft, darf an diesem Tag zum halben Preis einkaufen“, sagt Elisabeth, „dann erreicht man Lidl-Preise. Ansonsten bewegen sie sich auf Biomarktniveau.“
Prinzessinnengarten
Prinzessinnengarten

Von der Brache zum Garten

Nachdem die Fläche am Moritzplatz gegenüber dem Gebäude des Aufbau Verlags einige Zeit brach gelegen hatte und zuvor für Flohmärkte genutzt worden war, starteten der Filmemacher Robert Shaw und der Historiker Marco Clausen im Sommer 2009 hier das Projekt Prinzessinnengarten.
Prinzessinnengarten
Robert hatte die Idee aus Kuba mitgebracht, wo Menschen aus der Not heraus in ihren Stadtteilen Landwirtschaft betreiben, damit aber auch soziale Orte schaffen. Dass es auch in Berlin zu Erfolg führen würde, war von Anfang an klar, denn vor dem Moritzplatz hatten die beiden ein anderes Objekt in der Curvystraße im Auge. Eigentlich war man sich mit den privaten Besitzern schon einig, doch die fanden die Idee zu gut und befürchteten, dass man die Hobbygärtner im Falle des Eigenbedarfs nicht mehr ohne negative Aufmerksamkeit vom Grundstück bekäme. Das Gelände am Moritzplatz gehört der Stadt und wird vom Liegenschaftsfonds verwaltet. Nachdem Robert und Marco die gemeinnützige GmbH Nomadisch Grün gegründet hatten, bekamen sie von der Stadt einen einjährigen Mietvertrag, der sich bisher jeweils verlängern ließ. Nun aber soll das Gelände doch an den Höchstbietenden verkauft werden. Ende Oktober 2013 läuft der momentane Vertrag aus, was das vorzeitige Ende des Gartens bedeuten würde, denn die Ernte überschneidet sich mit dem Vertragsende.

Vielfalt

„An die 500 verschiedene Sorten gibt es hier, darunter sehr alte und seltene, die es auf dem Markt gar nicht gibt“, erzählt Marco stolz. Insbesondere exotische Tomaten findet man hier. Lila gepunktete, gestreifte und in unterschiedlichsten Formen. Manche kann man gar nicht roh essen. Es ist eine ganz andere Auswahl, als im Supermarkt. Für die Versorgung einer größeren Bevölkerung reicht es freilich nicht, dafür war der Garten aber auch nicht gedacht. Es geht ums Lernen und Erfahren von Natur und Garten. Und um das Gemeinschaftliche: „Es gibt keine privaten Parzellen oder eigene Beete, um die Biodiversität zu erhalten. Hätte jeder sein eigenes Beet, würden wahrscheinlich die gleichen Sorten Minzen und Möhren angebaut. So aber sind gleich mehrere Dutzend Sorten von Minzen und Tomaten zu sehen und ernten“, sagt Elisabeth. Die Wasserversorgung der Pflanzen wird neben Gießen durch ein raffiniertes System von Behältern mit angeschlossenen Schläuchen mit kleinen Löchern gewährleistet, die durch die Pflanzenkübel und Säcke verlaufen. „Alles selbstgebaut“, betont sie. Auch die Erde wird weitgehend selbst hergestellt, etwa durch Kompost, und je nach Anforderungen der Pflanze unterschiedlich gemischt. Die Schädlingsbekämpfung geschieht auf möglichst traditionelle Weise, teilweise sogar durch händisches Wegpicken der Biester. Das ist viel Arbeit, weckt aber auch Bewusstsein für den Wert der Nahrungsmittel. „Wer das mal gemacht hat, fragt sich beim Kauf von immer gleich aussehenden Möhren im Supermarkt für 50 Cent dann, wie das überhaupt möglich sein soll“, weiß Elisabeth.
Prinzessinnengarten

Vorbildlich

Das Projekt hat Vorbildcharakter. Auch in Hamburg, München und Köln wurden Gärten ähnlicher Art begleitet. Inzwischen hat Nomadisch Grün 16 Ablegergärten aufgebaut und betreut. Auf einem Weddinger Parkdeck soll nächstes Jahr das Himmelbeet eröffnet werden. Es sind jedoch eigenständige Projekte und kein Ersatz oder Erweiterung des Prinzessinnengartens. Die Beendigung des Mietverhältnisses und ein damit verbundener Umzug würde die gemeinnützige Gesellschaft finanziell nicht verkraften.
Um auf die Problematik aufmerksam zu machen, hat Nomadisch Grün einen offenen Brief an die Politik geschrieben und eine Unterschriftenaktion gestartet. Die läuft erfolgreich, da in kurzer Zeit über 20.000 Unterschriften zusammen kamen. Für Marco ist das ein Zeichen, dass die Bürger nicht nur den Garten, sondern auch die damit verbundene Idee unterstützen und Freiräume in Berlin gebraucht werden.
Prinzessinnengarten

Auf einer Podiumsdiskussion waren die Rektorin der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Leonie Baumann von der Initiative Stadt Neudenken, der Grünen-Politiker und Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg Franz Schulz, Andreas Krüger vom Modulor Projekt sowie der Professor für Städtebau und Architektur an der TU-Berlin Jörg Stollmann anwesend. Natürlich war man sich einig. Alle befürworteten das Projekt und seine Erhaltung, deswegen gab es auch kein Streitgespräch. Vorschläge, die vom Podium und den Zuschauern kamen, wie man den Garten erhalten könnte, lehnten sich meist an andere Beispiele der Vergangenheit an. Bezirksbürgermeister Schulz musste diese dann auch in Bezug setzen und beschwichtigen, denn rechtlich gehe bisher alles mit rechten Dingen zu. Im Grunde hat sich die Stadt im Laufe der Jahre mit ihren Gesetzen selbst ein Bein gestellt, weshalb Politiker nun aktiv werden müssten, um Veränderungen zu bewirken. Schulz ist der Meinung, dass Dank der überhasteten Privatisierungspraxis der letzten Jahre schon genug Flächen in Berlin verscherbelt wurden und man sich mehr Zeit lassen sollte. Er befürwortet daher den fünfjährigen Mietvertrag, den sich auch die Projektleiter wünschen. Der Garten sei seit seiner Entstehung zu einem Anziehungspunkt geworden, wodurch der Moritzplatz bekannt und vor allem schöner geworden sei, ganz ohne vorherigen Masterplan, der für andere Grundstücke oder Gegenden für viel Geld erarbeitet wird. Zudem trägt sich das Projekt wirtschaftlich selbständig. „Der Flughafen ist gut, jetzt ist der Moritzplatz dran“, schließt der Bezirksbürgermeister.
Franz Schulz
Den Bezirk in Person des Bürgermeisters und der Bezirksverordnetenversammlung haben die Hobbygärtner schon auf ihrer Seite. Letztere hat sich bereits einstimmig für den Erhalt des Gartens ausgesprochen. Jetzt ist der rot-schwarze Senat gefragt, das Liegenschaftsgesetz zu ändern und soziale, kulturelle und ökologische Aspekte wie versprochen mit in die Entscheidungen einzubeziehen.

Info: http://prinzessinnengarten.net
Gärtnern: donnerstags ab 15 Uhr, samstags ab 11 Uhr
Anreise: U-Bahnhaltestelle Moritzplatz und dann einmal umfallen

© Text und Fotos Boris Nowack

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s