O du schreckliche – Wenn im September schon das Christkindl kommt

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Weihnachtsgebäck im September

Weihnachtsgebäck im September

Der Sommer hat sein letztes laues Lüftlein in der warmen Abendsonne noch nicht ausgehaucht, kalendarisch ist der Herbstanfang gut einen halben Monat entfernt, vom Winter keine Spur, da überschwemmt uns der Einzelhandel bereits mit Weihnachtsdevotionalien. Spekulatius, Dominosteine, Marzipankartoffeln und, ja, sogar Lebkuchen. Lebkuchen! Der Inbegriff der Weihnachtszeit. Beim Reinbeißen riecht man förmlich Schnee und Glühwein, man spürt die klirrende Kälte draußen oder die wohlige Wärme des Feuers im Wohnzimmer, wo sonst der Weihnachtsbaum stehen sollte – im September!

Lebkuchen: Inbegriff der Weihnachtszeit

Lebkuchen: Inbegriff der Weihnachtszeit

Beides alljährliche Rituale: Das frühe Angebot von Weihnachtsleckereien im Einzelhandel ebenso wie das Gemecker darüber. Der Bayrische Rundfunk wollte in einer nicht repräsentativen Umfrage wissen, ob Lebkuchen schon im Sommer erwünscht ist. Über drei Viertel stimmten mit Nein, aber immerhin 21 Prozent mit Ja. Genau das ist der Punkt. „Es wird verkauft, was sich verkauft“, sagt Stefan Hertel vom Handelsverband Deutschland in Berlin. „Regalplätze in den Supermärkten sind teuer. Wenn Lebkuchen im September nicht laufen würden, würde der Händler ein lukrativeres Produkt anbieten.“ Also doch das alte Angebot-und-Nachfrage-Prinzip? Erstaunlich, wenn angeblich nur jeder Fünfte kauft. Wahrscheinlich ist es wie mit Justin Bieber. Keiner möchte zugeben, seine Musik zu hören, aber der Bub verkauft Platten ohne Ende. Noch keh Haar am Sack aber Millionen uff’m Konto.

Spekulieren Sie noch vor Sommerende auf Spekulatius

Spekulieren Sie noch vor Sommerende auf Spekulatius

Dabei fühlt es sich an, als beginne der Verkauf jedes Jahr früher. Das ist jedoch ein Trugschluss, weiß Hertel. Seit Jahren hat sich der September als Beginn für Dezembersüßwaren etabliert. Wobei vorsichtig aufgebaut wird. Zuerst Gebäck und Marzipan, die Schokonikoläuse und Weihnachtsmänner folgen meist erst im Oktober, da die Figuren im Bewusstsein der Verbraucher enger mit dem Fest verbunden sind.
Doch es gibt Ausnahmen. In Schweinfurt wurden dieses Jahr laut Main-Post bereits im August Lebkuchen feilgeboten. Worauf sich ein paar Musikanten zu einem Protestständlein zusammentaten und auf dem Marktplatz „Ihr Kinderlein kommet“ spielten. Das trifft es ganz gut. Vermutlich wie im Sandkasten dürfte sich das Spiel unter den Supermarktbetreibern hochgeschaukelt haben: „Wäh! Der hat früher angeboten als wir. Das machen wir nächstes Jahr auch. Ätsch!“ Theoretisch dürfte es demnach irgendwann zeitgleich Osterhasen und Nikoläuse in den Läden geben. Und wenn man es weiterspinnt, stehen dann im Dezember bereits die Weihnachtsmänner für das Fest im folgenden Jahr im Regal. Das könnte zu einem Loch im Raum-Zeit-Kontinuum führen und die Welt ginge unter. Auch ohne Majakalender. Wegen Adventskalendern.
„Ostern und andere Festtage haben nicht so einen langen Vorlauf wie Weihnachten“, erklärt Härtel. Auch glaubt er nicht, dass sich der Verkauf weiter nach vorne verschieben wird als jetzt, aber am Ende entscheidet der Verbraucher. Und der Tourist. Das Unternehmen Käthe Wohlfahrt in Rothenburg ob der Tauber verkauft das ganze Jahr selbst hergestellte Weihnachtsartikel.
Zum Frühverkauf in Supermärkten gibt es zwar Gegenwind, die Stärke gleicht jedoch eher dem bereits erwähnten lauen Sommerlüftlein. So protestiert seit Jahren in kleinem Kreis die Gruppe „Kein Lebkuchen vor dem 1. Advent“ auf Facebook. Auch für Kabarett und Comedy ist das Thema ein gefundenes Leckerli. Wer kennt nicht den uralten Sketch von Gerhard Polt, in dem er einem „Rotzbub“, einem frechen, zu erklären versucht, dass es sich hierbei „nicht um einen Nikolausi, sondern um einen Osterhasi“ handelt. Ob es wohl ein Gold-, Sitz- oder Schmunzelhase ist? Lindt & Sprüngli, bekannt für ihren Goldhasen, streitet sich gerade mit Haribo vor Gericht wegen seines neuen Goldteddys. Ein in glänzendes Papier eingewickelter Bär aus Schokolade, den man freilich ganzjährlich kaufen kann. Das gefällt Berlin. Je nach Wirtschaftslage (siehe BER) ist es ein Goldteddy oder ein Problembär. Schon mal frohe Ostern!

Schokoosterhasi

Schokoosterhasi

© Text und Fotos Boris Nowack

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