Wem nützt die Kunst? — Der Berliner Harald Staedecke im Porträt

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Harald Staedecke - Künstler -- bonck.de

Harald Staedecke

In seiner Manufaktur für nutzlose Kunst fertigt Harald Staedecke Assemblagen

Ein kleines Idyll tut sich auf, wenn man den Innenhof betritt. Eben noch dröhnt der Verkehr vom Stuttgarter Platz herüber. Doch hat man erst die schwere Eingangstüre hinter sich zufallen lassen, ist es still und grün.

Bäume, Sonnenlicht und Vogelgezwitscher. Wenn nur die Dämmarbeiten an der Hauswand nicht wären. Auch in der Zweizimmerwohnung von Harald Staedecke wird renoviert. Im Flur stehen Platten und Bretter bereit: „Mach ich alles selbst“, sagt der Künstler. Im Wohnzimmer regal- und stapelweise Bücher. Literatur, Malerei, Fotografie. Und Unmengen von Objekten, die Staedecke für seine Assemblagen nutzt. „Ein Atelier kommt momentan nicht infrage. Ich arbeite spontan und muss die Dinge sehen, wenn ich eine Idee habe.“
Staedecke ist gelernter Krankenpfleger, geboren 1949 im unzerteilten Berlin. Die Angst, dass sich die Russen Berlin einverleiben würden, war bei seinen Eltern immer präsent. Doch für Jugendliche stellte sich die ab dem 13. August 1961 geteilte Großstadt eher abenteuerlich dar. „Einmal brachten ich und ein Freund jeweils eine Flinte vom Pariser Flohmarkt mit zurück nach Berlin. Trampenderweise in einem alten Amischlitten, die Gewehre zerlegt in Schlafsäcken versteckt“, erinnert sich Staedecke. „Das hätte auch schief gehen können, wenn wir kontrolliert worden wären.“ Berlin hatte damals bei Künstlern und Andersdenkenden wegen der Atmosphäre einen Sonderstatus. Nicht wie heute bei den Touristen wegen der günstigen Preise. Die Künstlergemeinde war klein und eingeschworen. „Ich bin früher oft in die Kleine Weltlaterne in Kreuzberg gegangen“, erzählt Staedecke. „Der Maler Schröder-Sonnenstern tauchte da gerne auch in langen Unterhosen auf. Ohne Zähne. Im Suff hat er Bilder unterschrieben, die Studenten nachgemalt hatten.“

Harald Staedecke - Künstler -- bonck.de

Harald Staedecke mit Flohmarktmitbringsel

Von der Sinnkrise in die Kunst

Nach drei Jahren Arbeit in der Rettungsstelle folgte eine Sinnkrise mit anschließenden Reisen. Darunter nach Ceylon (dem heutigen Sri Lanka) mit Rückweg über Indien, Pakistan, Afghanistan, Iran. Gegenden, in denen die Verbindung von Religion und Alltag sehr stark ist. Exponate aus fernen Ländern begeistern Staedecke ebenso wie fremde Kulturen. „Dinge, die mir fremd sind, ziehen mich in den Bann.“
Auf Flohmärkten, in Comicläden und in der Natur findet er, was später sorgfältig in Rahmen platziert wird. „Für mich haben Knochen eine unheimliche Ästhetik. Sie sind oft symmetrisch oder haben skurrile Formen, wie Wirbel- oder Beckenknochen. So etwas kann man gut zu neuen Formen arrangieren.“ An der Wand hängt eine Tanzmaske aus Bali, vom Regal aus lauscht ein kleines Alien-Modell dem Gespräch. Abgründigkeit, Todesnähe, Spirituelles. „H. R. Giger habe ich ganz früh für mich entdeckt“, sagt Staedecke. „Ich schwärme für den Surrealismus, weil das eine Bildwelt ist, die sehr rätselhaft und individuell ist und trotzdem ihre allgemeine Gültigkeit hat.“ Gruseln? Nein, ein Fan von Horrorfilmen mit viel Blut und Hackebeil ist er nicht, sondern bevorzugt gutgemachte Spannung à la Hitchcock. Und doch wirken seine Assemblagen auf manchen Betrachter gruselig, verstörend. Hände, Gesichter, Reptilien und Satansfratzen mit Hörnern oder auch mal einzelne Augen blicken dreidimensional aus den Holzrahmen hervor. In Galerien und auf Ausstellungen in Berlin wie der Open-Air-Gallery in Kreuzberg-Friedrichshain findet Staedecke Interessenten.

Assemblage von Harald Staedecke -- bonck.de

Assemblage von Harald Staedecke

Erst das Fressen, dann die Moral

Ist Kunst nutzlos? Staedecke macht sich nichts vor. „Die Prioritäten sind doch klar. Bevor man sich etwas an die Wand hängt, kauft man sich zuerst einen Kühlschrank.“ Den Begriff nutzlose Kunst wählte er als ironische Antwort auf den Kommentar von Freunden, für die seine Wandobjekte unnütze Bastelarbeiten waren. Was also lag näher, als eine Manufaktur (lateinisch: manu facere, mit der Hand machen) für nutzlose Kunst zu gründen. Der Schaffensprozess ist Staedecke dabei am wichtigsten. Das Kunstwerk ergibt sich aus der Atmosphäre, die dabei herrscht: „Kunst ist ein wunderbares Medium, um sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Sie zu sehen oder zu schaffen lässt einen die Dinge verstehen und verarbeiten. Schließlich ist das Leben eigentlich eine Zumutung.“
Wie wahr. Zurück auf der Straße dröhnt und hupt es wieder und die Tabledancebars vom Stutti locken mit falschen Versprechungen.

Info: www.nutzlose-kunst.de

© Text und Fotos Boris Nowack

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