Kinder sind tabu

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Die Charité in Berlin bietet seit 2005 ein Programm für Pädophile an, ihre Neigungen zu therapieren und zu kontrollieren

Es herrscht allgemein Konsens darüber, dass Kinder vor Straftätern geschützt werden müssen. Insbesondere Pädophilie ist dabei ein Thema. Das Problem trat in den letzten Jahren durch spektakuläre Fälle einzelner Täter in Deutschland, Österreich und Frankreich, aber auch Dank der Aufdeckung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche wieder in den Fokus. Weil Politik und Justiz jedoch ratlos sind, wie man mit diesen Menschen umgehen soll, wird emotional diskutiert. Selbst der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder tat 2001 seine Meinung kund: „Wegschließen, und zwar für immer.“ Sicher sprach er vielen aus der Seele, doch eine Lösung ist das in einem Rechtsstaat nicht. 2004 wurde ein Gesetz zur sogenannten Sicherungsverwahrung beschlossen, das Täter auch nach Absitzen ihrer Strafe hinter Schloss und Riegel halten sollte. Doch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gab schon 2009 zu erkennen, dass dieses Gesetz gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt.

Was also tun? Prävention! Das Institut für Sexualmedizin der Charité Berlin schuf 2005 unter Leitung von Professor Dr. Dr. Klaus Beier das Projekt „Kein Täter werden“, das Therapieplätze für Betroffene anbietet. Es richtet sich an Männer, die bei sich die sexuelle Neigung zu Kindern erkennen und die verhindern möchten, dass sie anderen schaden. Denn, soviel weiß die Medizin inzwischen, keiner sucht sich diese oder andere sexuelle Neigungen aus. Sie gehen auf Traumata oder Erfahrungen in der Kindheit und Jugend zurück. Mitunter kann dabei das Vertrauen in das Gelingen von Beziehungen verletzt werden oder ganz verschwinden. Nach der Pubertät verändert sich eine sexuelle Präferenz nicht mehr. Eine Neigung bleibt also ein Leben lang bestehen. Professor Beier ist überzeugt, dass nur das Erlernen des Umgangs mit einer Neigung und der Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit die Lösung des Problems ist.

Nur bei 40 Prozent der Täter liegt tatsächlich eine sogenannte Präferenzstörung vor. Betroffene werden also etwa durch das kindliche Körperschema erregt und nicht das erwachsene. Laut den Daten der Charité trifft das auf rund 1 Prozent der Bevölkerung oder 250.000 Männer zu. Bei der Mehrheit der Täter hingegen liegt eine Persönlichkeitsstörung oder eine geistige Behinderung vor. Aber auch durch unerfahrene Jugendliche und in schwierigen Elternhäusern kommt es zu Übergriffen. Insgesamt schätzt man die Anzahl auf 50-60.000 im Jahr, viele Taten bleiben dabei im Dunkeln.
Voraussetzung für den Erfolg einer kostenlosen Therapie unter Schweigepflicht ist die Erkenntnis des Betroffenen für seine Neigung und Verantwortungsgefühl. Er möchte und soll lernen, seine Impulse zu kontrollieren. Gewissermaßen bringen Beier und sein Team diese Menschen zum Zölibat, zur Verhaltensabstinenz. So lange dies nämlich freiwillig geschieht, zeigt es Wirkung. Anders sieht es in der katholischen Kirche aus. Viele betroffene Männer flüchten sich nach Beiers Erkenntnis unter Einhaltung des Zölibats in den Dienst Gottes, weil sie so erhoffen, ihren Neigungen nicht nachgehen zu können. Gefährlich wird es, wenn diese Menschen wieder mit Kindern zu tun haben. So schrieb Beier 2008 an Papst Benedikt XVI. einen Brief, in dem er der Kirche seine Hilfe anbot. Bis heute keine Antwort.
Dennoch ist das Projekt so erfolgreich, dass seit 2009 fünf weitere Standorte in Bundesländern und Städten bestehen. Auch international ist das Interesse groß, weshalb im September in Berlin eine Fachtagung zum Thema stattfindet.
Die einzelnen Standorte in Deutschland werden bis auf Berlin vom jeweiligen Land finanziert. In der Hauptstadt trägt nach anfänglicher Unterstützung durch die Volkswagen-Stiftung derzeit der Bund die Kosten. Man möchte in Berlin weiterhin nichts damit zu tun haben, so scheint es. Etwas unsicher ist daher auch der Fortgang des Projekts nach Ablauf des Finanzierungszeitraums Ende 2013.
Bis dahin muss sich auch die Politik etwas überlegt haben. Denn das Bundesverfassungsgericht hat nach der Rüge durch das EGMR festgestellt, dass die jetzigen Gesetze zur Sicherungsverwahrung in Deutschland nicht verfassungskonform sind und der Politik bis Mai 2013 Zeit gegeben, diese neu zu formulieren.

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