Isch mach disch Platte, Alder!

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Das Modelabel Muschi Kreuzberg erweitert seine Kollektion. Zeit, den Models auf den Mund und über die Schulter zu schauen

Muschi Kreuzberg - Jung und schlecht gelaunt - bonck.de

Iliana von Muschi Kreuzberg mit den Modellen Komet und Gerald

Das Label Muschi Kreuzberg ist bekannt für markige Meinungen (Du hast Angst vor’m Hermannplatz) und provokante Possen (Ich adde deine Mutter). Die T-Shirts und Taschen gehören schon zum Berliner Stadtbild wie die Arbeitslosen, die dafür Modell stehen. Ein Besuch beim Fototermin für die neue Kollektion.

Muschi Kreuzberg - Sebastian Burgold - bonck.de
„Nochmal zur Seite gucken…“ Die Aufnahmen sind schon im Gange. Fotograf Sebastian Burgold hat ein kleines Studio improvisiert. Weißer Hintergrund, drei Fotoblitzschirme, große Digitalkamera und Laptop. Klack, pieps, fiebeliep. Wieder eine Aufnahme im Computer. Zwischen den Aufnahmen ist Zeit, mit den Modellen zu sprechen.
Muschi Kreuzberg - Modell Benno - bonck.de
Benno stammt aus Mecklenburg-Vorpommern, ist vor ein paar Jahren nach Berlin gezogen. „Model zu sein macht mir Spaß, die Arbeit ist lustig“, sagt er. Das war nicht immer so. Nach vielen Gelegenheitsjobs und Alkoholsucht ist er bei Muschi Kreuzberg gelandet. Seither geht er trockener und bewusster durchs Leben. „Wie üblich halt. Durch Bekannte habe ich den Alkohol probiert und bin dabeigeblieben. Mehrere Jahre habe ich getrunken. Nach einem Unglück habe ich aufgehört. Man überlebt nicht jeden Tag einen S-Bahnunfall.“ Es war ein heilsamer Schock, gewissermaßen. Allzu viel ist ihm nicht passiert. „Gott sei Dank“, ist Benno erleichtert, „mir fehlt nur ein Zeh und nicht gleich ein ganzes Bein.“ Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus? „Was mich selbst angeht, habe ich noch viele Wünsche. Aber Berlin soll so bleiben, wie es ist.“
Muschi Kreuzberg - Modelle Benno und Komet - bonck.de
Auch Komet, oder Bernhard, wie er richtig heißt, hat sichtbar Spaß an Berlin, der Großstadt, und der kreativen Arbeit mit einem jungen Label. „Ich habe meine Heimatstadt in Rheinland-Pfalz, wo ich Bilderrahmer war, irgendwann verlassen und meiner Lebenspartnerin gesagt, sie kann sich in zwei Jahren ein Haus am Meer kaufen. Sie hat das nach einem Vierteljahr getan, worauf der Steuerberater meinte, ich müsse meinen Laden verkaufen. Ich habe ihn stattdessen verschenkt und bin nach Berlin gekommen. Das war ein Geschenk für mich. Es ist eine große Stadt, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte.“ Für die Kamera macht der Mainzer seinen langen, grauen, geflochtenen Bart auch mal auf. „Auf den werde ich in Kreuzberg ab und zu von türkischen Männern angesprochen, ob er eine religiöse Bedeutung habe.“
Muschi Kreuzberg - Modell Komet - bonck.de
Komet ist ein Naturtalent vor der Kamera. Immer gut drauf, extrovertiert. „Natürlich gibt es Oberflächliches in Berlin. Aber ich glaube, die Menschen wollen gar nicht oberflächlich sein, sondern machen das manchmal mit. Im Club Felix zum Beispiel will man unbedingt gesehen und fotografiert werden.“ Dort war er kürzlich mit einem Filmteam – und seiner Puppe. „Die sagten mir gleich ‚Ein alter Mann mit Bart und Puppe? Lass die mal lieber weg, sonst lassen die uns nicht rein’, aber ich habe gesagt ‚Meine Puppe kommt mit! Und außerdem stehen wir auf der Gästeliste’, und natürlich sind wir reingekommen. Die Puppe ist ein Symbol für Menschen und Fürsorge. In einer alten Mühle in Mecklenburg-Vorpommern, die ich zehn Jahre lang mitbewohnt und aufgebaut habe, habe ich eine große Puppensammlung. Es ist ein 800 m2 großes Kunstwerk. Dabei geht es um Lagerfeuer, Essen kochen, Filme drehen, kreativ sein.“ Bei Muschi Kreuzberg ist er gelandet, nicht gestrandet, wie er sagt, denn wer strandet, hat keinen Anker. Das Label ist für ihn ein Anker, an dem er sich festhalten kann, der ihn festhält. Aber auch außerhalb ist Komet weiterhin kreativ. „Ich beschäftige mich noch mit Bilderrahmen in der Werkstatt Landwehr, in der ich alles abholen darf, was ich brauche. Aber die Arbeiten verkaufe ich nicht und sie tauchen auch nicht auf Flohmärkten auf. Ich arbeite viel mit Kindern und Leuten, die Spaß haben wollen und wo es nichts kosten soll.“ Die Arbeit bei Muschi Kreuzberg ist für ihn vor allem Vergnügen. „Ich kann meine Zeit frei einteilen“, sagt er zufrieden. Die sozialen Kontakte sind ihm dabei das Wichtigste. „Wenn man in der U-Bahn auf das Modelsein angesprochen wird, das sind Glücksmomente. Die verschafft man sich, indem man andere in sein Leben lässt, sich öffnet, nicht versteckt.“ Wichtig ist ihm auch, dass das Ganze einem guten Zweck dient. Im Winter etwa modeln sie mit warmen Jacken, die gespendet worden sind, oder feiern eine Party, deren Einnahmen dem strassenfeger zugute kommen.
Muschi Kreuzberg - Modell Gerald - bonck.de
„Den Kopf mal ein bisschen schief…“ Klack, pieps, fiebeliep. Gerald wirft sich kraftvoll in Pose. „Ich wurde gefragt, ob ich im Rahmen vom strassenfeger bei einer Werbeaktion mitmachen möchte. Das habe ich mir angeschaut und als sich rausstellte, dass Muschi Kreuzberg ein eigenständiges Label werden sollte, bei dem man anderen Menschen helfen kann, aus ihrer psychischen Isolation herauszukommen, war ich überzeugt. Unser Käpt’n zum Beispiel hing in einem tiefen Loch drin und ist jetzt bei uns die wichtigste Figur. Er begeistert andere Menschen und macht wieder soziale Arbeit, Begleitung anderer bei Behördengängen etwa, wie er es vor vielen Jahren schon mal getan hat. Er ist nicht mehr die graue Maus, die er eineinhalb, zwei Jahre lang war. Er ist wieder Mensch, wie ich ihn vor dreizehn Jahren kennen gelernt habe und er zeigt anderen Menschen damit ‚In dir steckt was, du kannst vieles, trau dich was.’ Man lernt hier für’s Leben, Selbstbewusstsein, dadurch kann man beim Vorstellungsgespräch auch ganz anders auftreten.“ Auch für Gerald ist das Modeln etwas Besonderes, ob vor der Kamera oder auf dem Laufsteg, bei Muschi Kreuzberg Fatwalk genannt: „Männer wie Frauen schenken uns Rosen bei den Veranstaltungen. Das ist Herzlichkeit, die wir gerne annehmen, denn sie kommen wegen uns als Menschen, nicht wegen den Sachen, die wir präsentieren.“ Konkurrenz und Neid gibt es nicht unter den Models, „obwohl Konkurrenz ja auch nichts Schlechtes ist“, meint Bernhard. „Wir sind alle ein Team und arbeiten zusammen“, ergänzt Gerald. „Wir freuen uns für den anderen und hinterfragen auch, wenn es mal nicht so gut geht. Es gibt keinen Streit um Positionen, sondern wir sind allesamt das Team. Bevor sich jemand wieder in die Hängematte fallen lässt und überlegt, welches Ende er jetzt abschneidet, holen wir ihn raus.“
Muschi Kreuzberg - Modell Käpt'n Kotti - bonck.de
Auftritt der Käpt’n. In zivil Carsten genannt. Klack, klack, klack, pieps, fiebeliep. „Zu Käpt’n Kotti wurde ich von den Chefs der Agentur ernannt, wegen meiner schlechten Laune beim Shooting. Ich bin wohl so super rübergekommen, dass sie mich einfach dazu gemacht haben, ohne mich zu fragen. Deswegen habe ich den einen auch glatt zum Süßwassermatrosen degradiert.“ Karsten ist eindeutig der Star der Truppe, sieht die Sache jedoch locker. „Ich mach das aus Jux und Dollerei, Spaß an der Freude. Vor allem bei den Modenschauen. Wenn man über’n Laufsteg läuft und die Frauen neben dem Laufsteg fast reihenweise umkippen vor Gekreische und Ekstase, das ist schon was Erhebendes. Oder lustig, kommt immer drauf an. Ich bin seit etwa Mitte der neunziger Jahre nebenbei ehrenamtlich strassenfeger-Verkäufer. Durch meine körperliche Behinderung finde ich keine Arbeit und bin langzeitarbeitslos. Für die Arbeit als Käpt’n Kotti gibt es zwar eine Aufwandsentschädigung, aber davon kann man nicht leben, weil es zu selten ist.“ Eine dauerhafte Tätigkeit kann er sich in der Branche jedoch nicht vorstellen: „Obwohl ich sehr einfalls- und ideenreich bin, wäre Werbung auf Dauer wohl doch nichts für mich. Dafür bin ich nicht der Typ. Modeln mache ich so lange wie es mir noch Spaß macht und es mir nicht zu stressig wird. Wenn so wie bei Prominenten die Fans dann vor der Wohnungstür stehen, spätestens dann ist für mich Schluss.“ Ganz so weit hergeholt ist der Gedanken nicht, denn der Käpt’n ist gleichzeitig die Galionsfigur des Schiffs Muschi Kreuzberg. „Bist jetzt ist der Prominentenstatus noch auszuhalten. Ansonsten hat sich nicht viel verändert.“
Klack, pieps, fiebeliep. Keine Zeit mehr. Der Käpt’n muss wieder an Bord. „Nicht lächeln…“ Klack, pieps, fiebeliep.

Die Ergebnisse gibt es unter www.muschikreuzberg.de zu bewundern und kaufen.

© Text und Fotos Boris Nowack

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