Helfen und die Angst vor der Verantwortung

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Im Augenblick einer Notsituation müssen wir die eigenen Ängste überwinden, die richtigen Entscheidungen fällen, andere um Mithilfe bitten – und dürfen die Verantwortung nicht abgeben

In den letzten Wochen ist es kälter geworden in Berlin. Nicht nur nach dem Thermometer, auch in der Gesellschaft. So scheint es zumindest, wenn man fast täglich über gewalttätige Übergriffe in U-Bahnen und auf öffentlichen Plätzen liest. Oder nehmen wir es nur anders wahr? Weshalb wird solch menschenverachtendes Verhalten scheinbar geduldet? Mangelt es an Zivilcourage? Wollen wir keine Verantwortung übernehmen oder sind wir uns gegenseitig schlicht egal geworden?
Notfallhilfe Krankenwagen

Vor ein paar Wochen war ich auf dem Weg ins Schwimmbad, es war schon dunkel und eiskalt, aber noch vor dem enormen Kälteeinbruch. Ich fuhr am Planetarium vorbei durch den Ernst-Thälmann-Park im Prenzlauer Berg. Auf dem Weg viel mir eine Gruppe Menschen auf. Ein Mädchen lag am Boden. Ein anderes, ihre Freundin, hielt sie in den Armen. Drei Männer standen dicht dabei über die Szene gebeugt. Ich hielt an auf dem Fahrrad und fragte, ob ich helfen könne. Keiner rührte sich. Nach einer kurzen Beurteilung der Szene fuhr ich weiter, nicht ohne mich nach ein paar Metern zu fragen, ob das richtig war. Ach was, sagte ich mir, da standen bereits drei Erwachsene, die halfen. Einer hatte ein Telefon in der Hand. Was soll ich da auch noch. Die werden schon das Richtige tun. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, schließlich habe ich meine Hilfe angeboten.
Unbewusst habe ich damit gegen Punkt drei der zehn Punkte für Zivilcourage verstoßen, die die Berghof Foundation und das Institut für Friedenspädagogik Tübingen auf ihrer Website aufführen: Reagieren Sie immer sofort, erwarten Sie nicht, dass ein anderer hilft. Laut Günther Gugel vom Institut für Friedenspädagogik ist dies oft ein typisches Verhalten, wenn bereits mehrere Personen in einer Situation anwesend sind: „Man teilt die Verantwortung, indem man sich sagt, die anderen waren schon da und ich komme erst dazu, also haben sie eigentlich die Verantwortung.“ Ob man Verantwortung übernimmt und Zivilcourage zeigt, hat mit verschiedenen Faktoren zu tun. Fühle ich mich überhaupt verantwortlich für andere, oder sind sie mir egal? Traue ich mir zu, einzugreifen und die richtigen Entscheidungen zu treffen und später unter Umständen auch dafür geradezustehen? Weiß ich überhaupt, wann ich eingreifen sollte? Und was ist Zivilcourage überhaupt? Fängt sie erst bei der Schlägerei in der U-Bahn an?

Wie definiert sich Zivilcourage?

„Zivilcourage ist engagiertes Handeln im Sinne der Verwirklichung von Menschenrechten“, erklärt Gugel. „Sie hat zum einen eine Schutzkomponente, also die Verletzung von Rechten zu schützen und einzustehen für andere. Zweitens hat sie eine Durchsetzungskomponente: Wo Rechte nicht gewährt werden, diese einzufordern und entsprechend zu handeln.“ Zivilcourage hat deshalb nicht nur etwas mit Gewaltdelikten zu tun. „Es fängt im Alltag an“, sagt der Diplom-Pädagoge, „wenn ich etwa offen meine Meinung sage. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass ich bei einem rassistischen Witz nicht mitlache. Es beginnt bei vielen kleinen Dingen, wo es um eine politische, demokratische Kultur geht.“ Ein weiteres Beispiel ist der Arbeitsplatz. „In Betrieben kann es darum gehen, demokratische Rechte einzufordern, wenn etwa Mitarbeitern Mitbestimmung versagt wird oder es an Transparenz mangelt.“ Die Schwelle zum Eingreifen liegt hier mitunter besonders hoch, da kritische Mitarbeiter nicht überall gerne gesehen sind und ihnen so künftig Drangsalierungen oder gar die Kündigung droht. Ob man sich engagiert, ist daher oft auch eine Frage der eigenen Situation und ob man sie gefährden will oder kann.
Die Grundvoraussetzung für Zivilcourage ist jedoch, dass man Gewalt und Unrecht erkennt. „Manche Menschen sind dafür sensibilisierter als andere“, sagt Gugel. „Der erste Schritt ist die Wahrnehmung. Dann muss man den Impuls verspüren, dass einem diese Wahrnehmung nicht gleichgültig ist und man eingreifen möchte. Und der Impuls, einzugreifen, hat etwas mit Kompetenzen zu tun. Wenn ich mich in einer Situation kompetent fühle und weiß, wie ich helfen kann, werde ich eher eingreifen, als wenn ich mir unsicher bin, was überhaupt zu tun ist.“
Der Maßstab sind dabei die in einer Gesellschaft vorherrschenden demokratischen Elemente und die Menschenrechte, die im Unterschied zur Schwelle  des Eingreifens oder der Kompetenzen nicht subjektiv sind. Da Zivilcourage oft angstbesetzt ist, gilt es, sich mit diesen Ängsten auseinanderzusetzen. Viele Bildungseinrichtungen und Volkshochschulen bieten Kurse zu Themen wie Konfliktmanagement und Deeskalation an. Neben Kommunikationstechniken vermitteln solche Kurse ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das man in einer Konfliktsituation wieder aktivieren kann, indem man andere Anwesende anspricht und zur Mithilfe auffordert. „Denn“, erklärt Günther Gugel, „Zivilcourage gelingt dann eher, wenn man in einer Gruppe verankert ist, unter Gleichgesinnten, die einen unterstützen und fördern.“
Die sprichwörtliche Anonymität der Großstadt ist nicht gerade förderlich, Zivilcourage als ein Alltagsphänomen zu manifestieren. Viele Menschen leben aneinander vorbei, manche kennen auch nach Jahren ihre nächsten Nachbarn im Treppenhaus nicht. „In ländlichen Gebieten kennt man sich eher, hier ist der gegenseitige Kontrollaspekt – der natürlich auch negativ sein kann – aber auch das gegenseitige Verantwortungsgefühl stärker ausgeprägt“, weiß Gugel. „In dem Moment, wo ich ein Verantwortungsgefühl nicht nur für mich selbst habe, sondern mich als Teil einer Gemeinschaft und in einem größeren Zusammenhang sehe, werde ich auch eher eingreifen, als wenn die anderen mir gleichgültig sind.“

Die eigene körperliche Unversehrtheit riskieren?

Bei vielen Menschen, Fahrgästen wie Personal, fährt inzwischen die Angst mit im Bus oder der U-Bahn. Manche meiden den öffentlichen Nahverkehr deshalb ganz oder zu bestimmten Tageszeiten. Denn auch wer sich für kompetent und selbstsicher genug hält, andere auf ihr Fehlverhalten aufmerksam zu machen, ist nicht unbedingt stark genug, sich mit mehreren kampflustigen oder unter Drogen stehenden Jugendlichen anzulegen. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2010 war jeder zweite Täter im öffentlichen Raum unter 21 Jahre alt, weit mehr als die Hälfte davon stand unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Zudem agieren sie in der Mehrzahl aus Gruppen heraus. Nicht jeden Täter kann man also durch verbale Kommunikation stoppen und es kann nicht die Aufgabe des Einzelnen sein, sich diesen kämpferisch entgegenzustellen. Deshalb rät Günther Gugel: „Bei Zivilcourage geht es nicht um körperliche Überwältigung. Es geht darum, Polizei oder andere Hilfe schnell zu benachrichtigen und sich hinterher als Zeuge zur Verfügung zu stellen, um auch vor Gericht auszusagen, damit Täter verurteilt werden. Wenn die Chance groß ist, dass ein Täter vor Gericht gestellt wird und die Konsequenzen tragen muss, ist der Anreiz für solche Taten tendenziell geringer.“ Ideal wäre es also, wenn sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl und das der gegenseitigen Hilfe breit in der Gesellschaft etabliert. Man stelle sich vor, es geschieht Unrecht und keiner schaut weg.

Notinsel Berlin

Öffentliche Einrichtungen in Berlin setzen ein Zeichen für Zivilcourage

Am Schwimmbad angekommen sah ich durch die Scheiben, dass auf jeder Bahn vier Leute schwammen. Eindeutig zu voll. Ich machte mich wieder auf den Heimweg und kam an der Stelle vorbei, an der drei Minuten zuvor das Mädchen auf dem Boden lag. Inzwischen hatte sie sich übergeben, war aber immer noch nicht ansprechbar. Nun fragte ich, weshalb immer noch niemand einen Krankenwagen geholt hatte. „Wir wissen doch nicht einmal, wo sie wohnt“, und „Das kostet doch Geld“, waren die Argumente. Rückblickend ist mir klar, dass selbst die erwachsenen beistehenden Helfer ratlos und mit der Situation überfordert waren; oder keiner Verantwortung übernehmen wollte. Also bat ich einen um ein Telefon und wählte die 112. Keine zehn Minuten später war ein Krankenwagen da und das Mädchen in Wärme und professionellen Händen.

Weitere Tipps und Informationen:
http://www.friedenspaedagogik.de
http://www.aktion-tu-was.de
http://www.polizei-beratung.de

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