Traditionsreich trinken

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Wieder mal zu tief ins Glas geschaut, anstatt den Blick zu heben, um die Atmosphäre und Geschichte des Lokals zu erfassen? Mit dem Fotoband Berliner Jahrhundertkneipen von Clemens Füsers und Gudrun Olthoff kann man das nun nachholen. Wenn der Kater abgeklungen ist.

Dass man Deutschland in aller Welt mit Bier verbindet – noch vor den Lederhosen –, ist kein Geheimnis. Doch wer wusste schon, dass Berlin einmal die Stadt mit der höchsten Kneipendichte in Europa war. Gut 30.000 lizensierte sollen es gewesen sein. Deshalb sprach man damals auch von der Alkoholvollversorgung. Das ist lange her. Alkohol gibt es weiterhin an jeder Ecke. Aber nicht überall kann man ihn so traditionsreich trinken wie in einer der altgedienten Schenken im Fotoband vom Lehmstedt Verlag. Der Autor Füsers und die Fotografin Olthoff möchten so das Aussterben einer besonderen Gattung etwas hinauszögern: Urige Kneipen, die nicht nach modern und Plastik stinken, sondern nach Holz, Rauch und Schnaps duften. Manche Wirte stellten sogar die ursprüngliche Atmosphäre wieder her, falls ein banausiger Vorbesitzer das Parkett durch PVC ersetzte (Gambrinus). In vielen saßen (und sitzen) schon berühmte Persönlichkeiten mit den anderen Gästen beim Bier. Hier ist keiner VIP, sondern einfach Mensch. Schauspieler, Künstler, Autoren, Politiker. O. W. Fischer, Inge Meisel, die Knef und Helmut Newton (Diener Tattersaal), hätte man hier treffen können. Ja, sogar Napoleon soll dagewesen sein (Zur letzten Instanz). Freilich gehören auch heute noch Promis zum Stammpublikum. Doch wer will schon Ben Becker oder Guido Westerwelle in echt sehen.
15 Kneipen aus 8 Stadtteilen werden in Text und Bild genau beschrieben. Füsers spart dabei nicht mit Anekdoten. Auch die Fotos sind am interessantesten, wenn neben dem Interieur Menschen zu sehen sind. Seien es Gäste an den Tischen oder die Eigentümer hinterm Tresen. Manche Fotos wünscht man sich besser ausgeleuchtet oder mit etwas mehr Schärfe. So verschwinden immer wieder charmante Details der Kneipen im vorhandenen schummrigen Licht. Die Posterwand etwa über dem Billardtisch im Yorckschlösschen. Also am besten mal selbst vorbeischauen und ein Gläschen trinken. So ist das Buch ein wunderbarer Wegweiser zu den sehenswerten Kneipen dieser Stadt. Prost!

© Text: Boris Nowack, bonck.de/blog

Berliner Jahrhundertkneipen: Lokale mit Geschichte und Geschichten
Clemens Füsers, Gudrun Olthoff
Lehmstedt Verlag, 141 Seiten, Maße 26,6 x 18,4 x 1,6 cm, ISBN 978-3-942473-16-3
19,90 Euro

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