Kiffen mit Robert Gernhardt — Der Karikaturist Andreas Prüstel im Porträt

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Er hat beide Seiten kennen gelernt: Die unterdrückende Diktatur der DDR, die ihren Bürgern, Journalisten und Künstlern den Maulkorb der Zensur oktroyierte, und die freie Marktwirtschaft ohne Denkverbote des wiedervereinigten Deutschlands, in der er sich mit Einfallsreichtum behaupten muss. Regelmäßigen Lesern des strassenfegers und anderer Printerzeugnisse aus Berlin ist der Karikaturist Andreas Prüstel freilich ein alter Bekannter. Boris Nowack fand es an der Zeit, ihm mal wieder einen Besuch abzustatten.

Andreas Prüstel

Andreas Prüstel. Seine Töchter nennen ihn den freiesten Vogel, den sie kennen


Eine graue Katze wartet vor dem Wohnhaus in Niederschönhausen. Aber sie kommt nicht mit hinein. Katzen lieben die Freiheit. Genau wie Andreas Prüstel. Ein kleiner Mann mit grauem Haar öffnet die Türe. Im Ring wäre der Sechzigjährige ein Fliegengewicht, als Karikaturist tritt er mit seinen bissigen Kommentaren zuweilen so manchem Schwergewicht auf die Füße. Der geborene Sachse mit Freundschaften in der ganzen Welt lebt schon lange hier im Nordosten von Berlin. Aber es ist kein Patriotismus. „Das hat sich so ergeben im Laufe der Jahre“, sagt er. Familie und Freunde wohnen auch hier in der Gegend. Es ist schön hier. Ruhig. Und trotzdem Großstadt. Genau das richtige Umfeld für einen Zeichner. Der braucht den Trubel der Menschen einerseits und die Ruhe zum Arbeiten andererseits.
Das geräumige Wohn- und Arbeitszimmer ist erstaunlich aufgeräumt. Kein kreatives Chaos, wie man es bei Künstlern vermutet. Auch der fast meterhohe Stapel noch nicht fertig gelesener Zeitungen steht sauber aufgetürmt neben dem Schreibtisch, obenauf die taz. „Ich werfe nichts weg, was ich gebrauchen könnte. Oft fange ich einen Artikel an, schneide ihn aus und lege ihn zu den anderen“, erläutert Prüstel. Das Archiv ist im Schlafzimmer und besteht aus Hunderten von Pappschubladen. „Das kann ich nie im Leben alles abarbeiten“, bedauert er. Zeitschriften, Texte, Bilder, Fotos, alles wertvolles Material für den Autodidakten, dessen große Leidenschaft neben den Karikaturen die Collagen sind. Mit 19 Jahren bewarb er sich um einen Studienplatz an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, doch den Herrschaften waren seine Arbeiten zu surrealistisch. Stattdessen stellte er seine Werke aus. In Halle sprach ihn ein Grafiker auf den satirischen Inhalt an: „In meinen Bildern steckte offenbar soviel DDR-Frust und hinterfotziger Witz auf die DDR-Verhältnisse, dass Menschen ihn sogar sahen, wenn ich ihn gar nicht bewusst eingebaut hatte“, stellt Prüstel rückblickend fest. Er arbeitete gezielter satirisch und zeigte seine Ergebnisse fast wöchentlich in Ausstellungen: „Voraussetzung dafür war die Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler, für die ich 1985 einen Antrag stellte und Dank zweier Mentoren auch bekam. Wer als Künstler nicht anerkannt war, durfte auch nicht als solcher arbeiten und ausstellen.“

Andreas Prüstel

Prüstel vor seinem Archiv: "Das abzuarbeiten schaffe ich nie im Leben."

Galerien waren der ideale Weg, um kritische Kunst zu verbreiten und wenigstens ein paar Hundert Menschen auf einmal zu erreichen. Gewissermaßen ein Zugeständnis des Regimes an Künstler, um sie ruhig zu stellen. Wer damit dann wider Erwarten zu erfolgreich würde, den könnte man immer noch rausschmeißen, vermutet Prüstel. Oder sie hatten die Hoffnung, nach dem Westen eingeladene Künstler würden fortbleiben. Prüstel hatte so eine Einladung. 1987 waren seine Werke für eine Ausstellung im Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst, dem Wilhelm-Busch-Museum in Hannover, ausgewählt worden. Da hatte er jahrelang erfolglos Anträge gestellt, um seinen Vater in Stuttgart besuchen zu dürfen, der in den 50er Jahren seine Familie zurückgelassen und noch rechtzeitig den Sprung in den Westen geschafft hatte, und nun öffneten ihm seine Zeichnungen den Schlagbaum. Auf einer dieser Reisen im Namen der Kunst lernte er auch den Maler und Schriftsteller Robert Gernhardt von der Satirezeitschrift Titanic kennen, der ihn später in einem Artikel im Jahr 2000 als „fragwürdiges künstlerisches Subjekt“ bezeichnen würde. Für eine Ausstellung noch vor der Wende zum Thema 40 Jahre deutsch-deutscher Humor sollte jeweils ein Wessi und ein Ossi nach Hannover kommen, Prüstel und Gernhardt. So besuchte Prüstel Gernhardt in Frankfurt am Main. „Wir haben uns sehr gut verstanden,“ grinst er, „Ich habe bei Gernhardt gewohnt und auch die Titanic-Redaktion besucht. Wir haben in seiner Küche Tütensuppe gelöffelt, gerne mal einen getrunken und ich war das erste Mal in meinem Leben bekifft. Bei unseren Unterhaltungen stellten wir eine gewisse Seelenverwandtschaft fest. Gernhardt hat sich zerschossen über meine Berichte über den Alltag in der DDR.“

Prüstel hat Spaß am Aberwitzigen, am Menschlichen: „Mich haben immer schon Menschen interessiert, die neben der Spur sind, die nicht konform gehen.“ Zwar wollte seine Mutter, eine Parteisekretärin, dass auch ihr Sohn eine „rote Socke“ wird, aber dank Freunden, bei deren Eltern Kafka und Co. im Regal standen und bei denen musiziert wurde, fing der kleine Andreas rechtzeitig an, nachzudenken: „Wenn mir ein Staat nicht erlaubt, zu einem Konzert der Rolling Stones nach England zu fahren, kann das nicht in Ordnung sein“, schloss er. „Ich habe deshalb in der Musik gelebt, im Fußball und im Zeichnen.“
Wahrscheinlich kommt daher auch sein Bedürfnis nach Gerechtigkeit: „Ich bin ein politischer Mensch und der Meinung, dass man Dinge immer wieder verändern und verbessern muss und sich mit dem Zustand des Daseins nicht abfinden darf. Mein minimaler Beitrag dazu ist es, diese Dinge aufzuzeigen. Heute kann ich meine Meinung öffentlich äußern, früher durfte ich das nicht.“ Die Kunst sieht Prüstel durchaus als ein Mittel dafür, wenn auch auf indirektem Weg. „Die Künste hatten einen großen Anteil am Sturz der Ostdiktaturen. Für mich ist zum Beispiel Václav Havel deshalb eine Symbolfigur. Oder jetzt in China Ai Weiwei.“ Kunst als kleines Detail, das wachrüttelt und zum Nachdenken anregt. So wie damals bei ihm den Grafiker aus Halle. Dann ist ein Künstler zufrieden: Wenn er gesehen, gelesen, gedruckt wird.

Andreas Prüstel

Prüstel an seinem Arbeitsplatz

Heute ist es für Prüstel als freier Zeichner und Collagist ein anderer Kampf als zu DDR-Zeiten. Seit der Wende muss er sich auf dem Markt neben seinen Kollegen behaupten und durch Qualität überzeugen. Früher war es eine Gratwanderung zwischen Auffallen und verboten werden. Ironischerweise hatte Prüstel keine einzige Presseveröffentlichung in der DDR und wurde doch 1987 mit dem in dieser Kategorie verliehenen Satirepreis ausgezeichnet. Ein Hohn. Vielleicht steht er deshalb heute noch auf seinem Schreibtisch immer im Blickfeld. „Der Wahnsinn ummantelt uns. Früher ebenso wie jetzt. Allerdings bedeutet es nun keine Gefahr mehr für Leib und Leben, wenn ich darüber berichte“, stellt Prüstel zufrieden fest. Und so ein kleines Skandälchen ab und zu hebt heutzutage unter Umständen sogar den Marktwert. Ein paar gab es schon, aber der größte war sicher sein Titelblatt für den Eulenspiegel 1996. Die im September 2010 verstorbene Bärbel Bohley war da zu sehen, wie sie es mit Helmut Kohl trieb. Für Prüstel war es Verrat, dass die ehemals so kritische Bürgerrechtlerin, die einst vor Kohl und seiner Abwicklung der Wiedervereinigung gewarnt hatte, diesen nun hofierte, in ihr Maleratelier einlud und sich der CDU annäherte. Er nahm das Sprichwort „mit dem politischen Gegner ins Bett gehen“ deshalb wörtlich; und sie es ihm übel. Fast zehn Jahre nach dem Empfang eines Preises für Veröffentlichungen, die Prüstel in einer Diktatur nie hatte, weil er nicht durfte, warf man nun seinem Auftraggeber Eulenspiegel vor, den Boden der Demokratie verlassen zu haben, weil dieser frei seine Meinung äußerte. Anzeigenkunden sprangen ab, ein Prozess kostete den Verlag Zwanzigtausend Mark, Prüstel verlor Aufträge und bekam dafür Morddrohungen übers Telefon. Man ist an die Diskussion um die Mohammed-Karikaturen vom September 2005 in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten erinnert. Im Grunde ist das der beste Beweis, dass für einen Karikaturisten, Zeichnern, Collagisten und Kommentator wie Andreas Prüstel auch in einer Demokratie die Arbeit nie zu Ende ist.

Andreas Prüstel auf Cartooncommerz: http://andreas-pruestel.cartooncommerz.de/

© Text und Fotos: Boris Nowack, bonck.de/blog

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