Theater und Satire dürfen alles — Die Berliner Debatte um die Aufführung „Ich bin nicht Rappaport“ ist unangebracht und heuchlerisch

Standard


Im Januar entbrannte urplötzlich eine Debatte um das Stück „Ich bin nicht Rappaport“
im Schlossparktheater. Zwei Rentner im Central Park in New York unterhalten sich, Joachim Bliese spielt den Schwarzen Midge. Mit viel Theaterschminke. Wie schon vor 25 Jahren. Von Rassismus und „Blackface“ ist die Rede. Eine Scheindebatte von Gutmenschen, die an der Realität vorbeigeht und die die wahren Probleme verkennt.
Rappaport-Schnitte

Die amerikanische Radioserie Amos ’n‘ Andy gilt als Beginn der Sitcom und lief vom Ende der 20er bis Anfang der 40er Jahre mit den weißen Autoren Freeman Gosden und Charles Correll. Für Werbeplakate malten sie ihre Gesichter schwarz an. Sponsor war unter anderem das Waschmittel Rinso White. Damals galt in den USA noch strikte Rassentrennung, deshalb darf man dieses Vorgehen heute durchaus als rassistisch betrachten. Die Situation änderte sich erst 1964 mit dem Civil Rights Act, der qua Gesetz die Diskriminierung von Afroamerikanern und Frauen untersagte. Rund zwanzig Jahre nach Ende des Faschismus in Deutschland. Es dauerte noch lange, bis Schwarze tatsächlich respektiert wurden. Einen großen Beitrag dazu leisteten die Musik und das Fernsehen. Bill Cosbys Familienbande der 80er zeigte zum ersten Mal eine schwarze Familie des gehobenen Mittelstandes ohne die üblichen Klischees.

Freilich gibt es weiterhin Rassismus in den USA. Selbst Ron Paul, der libertäre Kandidat im Rennen um das Präsidentenamt, soll in den 90ern Urheber von Rundbriefen gewesen sein, in denen die Mehrzahl der Afroamerikaner als Kriminelle bezeichnet wurden. Doch gerade in den Künsten hat sich eine angenehme Lockerheit im Umgang mit anderen Rassen, Geschlechtern und Religionen etabliert. So spielte der schwarze Komiker Eddie Murphy im „Prinz aus Zamunda“ 1988 weiß geschminkt den Juden Saul.
Auch in Deutschland gibt es genügend Beispiele, die belegen, dass wir uns zumindest in intellektuellen und Künstlerkreisen wenig Sorgen um Integration machen müssen. Von 1986-97 spielte Charles M. Huber in der Serie „Der Alte“ den Kriminalkommissar Henry Johnson. Und seit ein paar Jahren feiert der deutsche schwarze Komiker Dave Davis große Erfolge auf Bühnen und im Fernsehen. Ob als „kackademische Toilettenfachkraft Motombo Umbokko mit großem Latrinum“ oder als Gustl Weißmüller in bayrischer Tracht von der NPD (National Pigmentierte Deutsche). Gern begrüßt Davis sein Publikum mit: „So viele weiße Menneken, da haut es mir glatt die Pigmente aus dem Gesicht.“ Klar, schließlich sind Schwarze in Deutschland weit in der Minderzahl. Schätzungsweise 500.000 bis 800.000, nicht einmal 1 %. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass sich für eine Theaterrolle nicht immer ein schwarzer Schauspieler findet. Trotzdem darf das Theater Menschen aller Art und Herkunft darstellen, wie Bliese es auch der BZ gegenüber sagte.
So spielt im Maxim Gorki Theater der schwarze Südtiroler Michael Klammer in „Jeder stirbt für sich allein“ nicht nur weiße Rollen sondern auch eine Frau. Skandal? Nein. Und selbst ein weißer Kollege, der sich für eine Rolle schwarz schminkt, hat dort noch keinen verursacht. Es ist Theateralltag. Und das ist gut so. Denn wenn jeder jeden spielen darf, trägt das mehr zur Gleichberechtigung bei als Quoten und falsche politische Korrektheit. Debatten wie die um Rappaport führen dazu, dass sich Menschen auf einmal nicht mehr trauen, schwarz oder weiß zu sagen. Welch Irrsinn!
Schlosspark Theater Berlin
Künstler, Schauspieler, Komiker, Humoristen haben verstanden, wann wir uns in einer wahrhaft freien Gesellschaft befinden: Wenn wir alle miteinander übereinander lachen können. Der deutsche (!) Komiker Kaya Yanar macht sich mit großem Erfolg über deutsche, türkische, männliche und weibliche Stereotypen lustig. Als Türke klebt er sich einen Bart an, als Frau wirft er sich in Fummel. Ebenso sein Kollege Bülent Ceylan. Seine Paraderolle ist die der pelztragenden Anneliese der Mannheimer Schickeria mit ihrem Markenspruch „Ruhisch!“
Andererseits: Eine schwarze Freundin erzählte dem Autor einmal, dass ihr Bruder und seine Freunde nicht in die städtischen Schwimmbäder in Berlin hineingelassen werden. Das ist Rassismus und ein echter Skandal. Aber darüber schreibt niemand.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s