Mehr Licht!

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Eine gewisse Abgeschlagenheit im Winter ist ganz normal. Helligkeit hilft heilen.

Was Goethes letzte Worte auf dem Sterbebett gewesen sein sollen, wünschen sich viele Menschen zu dieser Jahreszeit. Der Mangel an Tageslicht kann lethargisch machen, zu Antriebslosigkeit und sogar Depressionen führen. Doch es gibt Abhilfe. Boris Nowack hat nach Erleuchtung gesucht.

Lichttherapie bei Dr. Vesna Lemm

Dr. Vesna Lemm

Der Winter ist am schönsten bei stahlblauem Himmel und gleißendem Sonnenlicht, das sich im Schnee widerspiegelt. Allerdings kommt das Tageslicht viel später und verschwindet früher als im Sommer. Der Körper spürt das. Er baut weniger Serotonin auf, das auch als Glückshormon bezeichnet wird und unter anderem das Herz-Kreislauf-System beeinflusst. Zudem produziert der Mensch bei Dunkelheit Melatonin, wodurch das Schlafbedürfnis zunimmt. Manche Menschen fühlen sich schlapp, bei anderen führt es zu einer regelrechten Depression. Diese kann in vielen Fällen in einer Therapie durch Lichtzufuhr bekämpft werden. Dafür gibt es spezielle Lampen mit hoher Beleuchtungsstärke (lx: Lux). „Die positive Wirkung von Licht bei einer saisonalen Depression ist wissenschaftlich nachgewiesen“, sagt die Fachärztin für innere und allgemeine Medizin Dr. Vesna Lemm. In ihrer Praxis im Prenzlauer Berg können sich Betroffene bei einer jeweils halbstündigen Sitzung mehrmals die Woche dem weißen Licht mit etwa 10.000 lx aussetzen, was einem schattigen Plätzchen im Sommer entspricht; ein bewölkter Wintertag hingegen bietet nur 3.500 lx. Dabei blickt man ab und zu in das Licht, ein positiver Effekt und eine Stimmungsaufhellung stellen sich früh ein. Mittels zusätzlicher Blut- und Urinanalyse lässt sich außerdem der veränderte Serotonin- und Melatoninwert überprüfen. „Serotonin wirkt sich nicht nur auf unsere Emotionen aus, sondern auch auf das Schmerzempfinden“, betont Dr. Vesna Lemm. Insbesondere Rückenschmerzen sind eng verbunden mit dem Serotoninhaushalt.

Die Kosten einer Lichttherapie werden von Krankenkassen nicht übernommen. Eine Einzelsitzung kostet um die 15 Euro, billiger wird es im Zehnerpack. Wer die Therapie für sich als sinnvoll erachtet, mag sich für zirka 200 Euro eine so genannte Lichtdusche für zu Hause kaufen.

Vielfalt bei Energiesparlampen

Verwirrende Vielfalt bei Energiesparlampen

Auch die Lichtsituation in der eigenen Wohnung sollte man in dieser Jahreszeit überdenken, zumal das Verbot der hellen Glühbirnen mit 100 und 75 Watt adäquaten Ersatz durch die neue Technik verlangt. Das Angebot ist dabei so groß wie verwirrend. Entscheidend für die Helligkeit ist nicht mehr die Watt-Zahl, sondern die Angabe zum Lichtstrom Lumen (lm). Liegt der zwischen 1.000 lm und 1.500 lm, leuchtet die Energiesparlampe so hell wie eine 100-Watt-Birne. „Bei den Kompaktleuchtstofflampen ist außerdem die Farbwiedergabe wichtig“, betont Peter Schick, Experte bei der Stiftung Warentest. Die bestimmt, wie das Auge Farben wahrnimmt. Je näher die Farbwiedergabestufe (Ra) am Wert 100 für Tages- und Glühlampenlicht liegt, desto natürlicher wirken diese. Das ist sinnvoll am Schreibtisch, in der Leseecke oder in der Küche, wo es auf Farbechtheit ankommt. „Glüh- und Halogenlampen haben ein kontinuierliches Spektrum, wodurch man einzelne Farbnuancen besser unterscheiden kann,“ erklärt Peter Schick. „Bei den Kompaktleuchtstofflampen und den LED-Leuchten ist das anders, was an den Leuchtstoffen liegt, mit denen sie beschichtet sind.“

Wichtige Punkte sind auch der Blaulichtanteil und die Farbtemperatur. Blauweißes Licht hat einen ähnlich wachmachenden Effekt wie Tageslicht und ist deshalb für den Schreibtisch geeignet. Warmweiß und neutralweiß eignen sich für die übrigen Wohnbereiche. „Durch gezielten Einsatz verschiedener Lampen kann man so die Wohnung optimal beleuchten, ohne den Biorhythmus zu beeinflussen“, sagt Peter Schick. Zwar ist der Anschaffungspreis der Lampen höher, aber die Stromkosten sind in Vergleich zu Glüh- und Halogenlampen deutlich niedriger. Gut 100 Euro lassen sich pro Lampe bei gleicher Helligkeit einsparen.
Ob Goethe tatsächlich nach mehr Licht verlangte, bevor er sein Leben aushauchte, ist umstritten. Sicher jedoch ist der tägliche Spaziergang bei Tageslicht noch immer das beste Mittel für Gemüt und Körper: „Rausgehen ist nicht nur für die Psyche und das Serotonin wichtig“, weiß Dr. Vesna Lemm, „sondern auch für die Schleimhäute. Wenn diese ständig beheizter Luft ausgesetzt sind, bekommen wir Probleme mit den Atemwegen, die Nasenschleimhäute werden trocken und eine Erkältung droht.“
Also raus und Augen auf im Winter.

Text und Fotos © Boris Nowack 2011, erschienen im Berliner strassenfeger 25/2011

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