Kleine Frau ganz groß und stark

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Für das Wohl ihrer schwerbehinderten Tochter gründete Stefanie Karschies einen eigenen Pflegedienst

Ehrgeizig war Stefanie Karschies schon immer. Als Jugendliche wollte sie die erste Bundeskanzlerin werden. Da kam ihr Angela Merkel zuvor. Aber das Leben hatte andere Herausforderungen für sie vorgesehen. Vor einem Jahr wurde sie zur Berliner Unternehmerin des Jahres 2010/ 2011 gekürt, hieß noch Zschieschan-Steinfest, leitete seit fünf Jahren ihren eigenen Pflegedienst, war dreifache Mutter und hatte in den Jahren zuvor so einige Turbolenzen überstanden. Hart war es mitunter, aber ans Aufgeben dachte die Einsfünfzig-Powerfrau nie.
Stefanie Karschies von den Kleinen Strolchen
Eine Terrasse mit Blick auf Berlin und Stühlen und Tischen für die Mittagspause, die Sonne scheint herein in das Büro von Stefanie Karschies. Die ausgebildete Betriebsökonomin leitet den Pflegedienst Kleine Strolche, den sie vor sechs Jahren selbst ins Leben gerufen hat. Es herrscht eine angenehme Atmosphäre an diesem Freitagmittag. Nicht hektisch, nicht laut, eher entspannt, familiär geradezu. Zwei Hunde trotten von einem ins nächste Zimmer und wieder zurück, ihre Pfoten klackern über das Parkett, wenn sie ihre Runden drehen und die Mitarbeiter mit erwartungsvollen Augen ansehen. Ein kleines Mädchen steckt ab und zu seinen Kopf durch die Tür. „Die Tochter unserer Sekretärin“, erklärt Stefanie Karschies. Es ist Menschlichkeit hier in diesen Räumen, und das ist gut so. Immerhin geht es um die Betreuung von Menschen. Doch die Arbeit ist auch anstrengend. Bis zu sechs Kinderkrankenschwestern kümmern sich abwechselnd im Schichtdienst um einen Patienten, der Tag und Nacht gepflegt werden muss. Und zuweilen geht die Arbeit dem Personal auch sehr nahe. Auf dem Schreibtisch liegt eine Kondolenzkarte. Ein kleines Menschlein ist gestorben. „Wenn so etwas passiert, dann fragen auch wir uns nach dem Warum und es kullern Tränen“, sagt Karschies nachdenklich. Intensivkinder nennt man sie, die kleinen Patienten, die kleinen Strolche, weil sie teils rund um die Uhr Betreuung brauchen, wenn sie auf die Welt kommen und wenn sie das Krankenhaus verlassen haben. Wenn sie es denn schaffen. Oft handelt es sich um Frühgeburten, die trotz modernster Medizin nur eine geringe Überlebenschance und eine kurze Lebenserwartung haben. Wenn es so eine Handvoll Mensch über den ersten Berg geschafft hat, heißt es für die Eltern, Hilfe zu finden, denn alleine bewältigt man es irgendwann nicht mehr. Stefanie Karschies weiß das aus eigener Erfahrung.

Vor sechs Jahren stand sie am selben Punkt wie die Eltern vieler ihrer Patienten. Als ihre Emilia in der 27. Schwangerschaftswoche geboren wurde, war klar, dass sie keine Minute ohne Aufsicht sein dürfte, sonst könnte sie ersticken. Die Ärzte gaben ihr ohnehin geringe Überlebenschancen. Karschies’ Suche nach einem Pflegedienst lässt tief blicken in den einen oder anderen Abgrund unseres Gesundheitssystems, in denen man vor allem Geld klimpern hört. Die Dienste, die Karschies ausfindig machte, entsprachen alle nicht ihren Erwartungen. Da waren Leute, die entweder zu wenig Liebe und Zuwendung bei der Pflege erwarten ließen, die keine praktische Erfahrung hatten — was tödlich enden kann bei so sensiblen Patienten — oder Geschäftsführer, denen es einfach nur ums Geld ging, die ihre Angestellten schlecht bezahlten und selbst in teuren Klamotten in teuren Autos vorfuhren. Wenn es um die Gesundheit anderer Menschen geht, darf die eigene Bereicherung nicht im Vordergrund stehen.
Doch es ist hart, in der Pflege überhaupt Geld zu verdienen, weiß die 35-jährige Geschäftsführerin inzwischen. „Man muss schon einen eisernen Kurs fahren, wenn am Jahresende eine schwarze Zahl herumkommen soll,“ gibt sie zu. Dumpinglöhne jedoch, wie sie in Pflegeberufen immer weiter verbreitet sind, findet Karschies unmoralisch und gefährlich. Ein so enges Verhältnis, wie es bei einer Intensivpflege zwischen Pflegekräften, Eltern und Kindern zwangsläufig entsteht, muss auf professioneller und zufriedenstellender Basis aufbauen und nicht in Abhängigkeit oder Sklaverei ausarten. „Es geht hier um ein Menschenleben, das man in die Hände einer Person legt, da muss die Chemie einerseits und das Gehalt für diese Fachkraft andererseits stimmen,“ sagt Karschies bestimmt.

Als der Fallmanager der Krankenkasse ihr riet, doch einen eigenen Pflegedienst zu gründen, um ihre Ansprüche erfüllt zu sehen, war das eigentlich nur im Scherz gemeint. Schließlich konnte er nicht ahnen, dass die kleine Frau von gerade einmal Einmeterfünfzig ausgebildete Betriebsökonomin ist und Projektmanagerin in milliardenschweren Großunternehmen war, sich also auch in einer Männerwelt behaupten kann. Und die Geschäftswelt ist eine Männerwelt. Meistens. „Als Frau und dann bei meiner Größe werde ich immer unterschätzt, da hat man es schwieriger. Aber ich bin es gewohnt, mich mit Leistung und Qualität zu beweisen,“ erinnert sich Karschies. Über Pflegeberufe wusste sie bis zur frühen Geburt ihrer Tochter zwar nicht viel, das Know-How eignete sie sich jedoch innerhalb weniger Wochen an langen Abenden vor dem Computer selbst an und legte der Krankenkasse pünktlich einen Businessplan inklusive Personal vor mit der Bitte um Kostenübernahme. Dort war man ob ihres Tatendrangs so verdutzt, dass innerhalb von zehn Minuten via Fax die Antwort mit dem OK kam.
Heute betreuen 120 Angestellte 32 kleine Strolche, was schon verdeutlicht, wie personalintensiv so eine Intensivpflege ist. „Die Kleinen Strolche sind authentisch,“ hebt Karschies hervor. „Ich bin selbst die Mutter eines dieser schwerkranken Kinder, die wir hier betreuen. Deshalb kann ich mich in beide Rollen hineinversetzen, in die der Eltern und die der Chefin, die ihre Pflegerinnen zu leiten hat.“ Vielen Pflegediensten, aber auch vielen Eltern gelingt eine dringend erforderliche Abgrenzung nicht. Eltern überlassen dann ihr Kind ganz den Kinderkrankenschwestern oder die Dienste verlangen das, schließlich kann man so mehr Stunden bei der Kasse abrechnen. Dabei ist es ganz wichtig, dass die Eltern die Nähe zu ihrem Kind nicht verlieren. Der Dienst ersetzt nicht die Mutterliebe, das Vorlesen, das Kuscheln, die Körperpflege.
Hinter dem massiven Schreibtisch auf ihrem Bürostuhl sitzend wirkt die Unternehmerin des Jahres 2010/ 2011 trotz allem zufrieden. Ihre Migräne lässt sie sich nicht anmerken. Dennoch ist die große Verantwortung in Beruf und Familie nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Vor zwei Jahren erlitt sie einen Schlaganfall, von dem sie sich jedoch gut erholt hat. Woher nimmt sie all die Kraft? Ganz klar von ihrer Familie, ihren Kindern und ganz besonders Emilia. „Die Kleinen Strolche sind das Lebenswerk für meine Tochter,“ sagt Stefanie Karschies mit Überzeugung. Eine Art Perpetuum mobile also. Und was, wenn es Emilia eines Tages nicht mehr gibt? Die starke Geschäftsfrau und Mutter weiß, dass das jederzeit passieren kann. So sind Intensivkinder nun mal. Aber denken möchte sie nicht daran. Eine längere Auszeit bräuchte sie, das weiß sie. Ob sie mit den Kleinen Strolchen weitermachen könnte, weiß sie nicht. Zu sehr ist das Unternehmen mit ihrer Tochter verbunden. Die Arbeit in Sozialberufen bleibt jedoch Dank Emilia und den Erfahrungen der letzten Jahre ihre Bestimmung.

http://intensivkinderzuhause.de

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