„Frauen sind aktiver und suchen frühzeitig Rat“

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Die neu eröffnete Beratungsstelle der GEBEWO pro in Kreuzberg leistet Präventionsarbeit zur Existenzsicherung

Wer seine Wohnung verliert, begeht den sozialen Abstieg in Riesenschritten. Viele in Not Geratene trauen sich nicht, die Hilfe der Ämter in Anspruch zu nehmen. Zu sehr sind „Hartzer“, Aufstocker und Arme in Deutschalnd stigmatisiert. Das kostenlose Beratungsangebot der GEBEWO pro bietet Betroffenen Rat, diese Hürden zu überwinden und sein Recht durchzusetzen, damit Wohnung und Existenz gesichert sind.

Das Team der Gebewo pro


Hier, vom dritten Stock aus, hat man einen schönen Blick auf die geschäftige Kreuzung, an der Kreuzberg zur einen Richtung in Schöneberg und zur anderen in Tempelhof überzugehen droht. Wo der Mehringdamm die Yorckstraße abschneidet und die Gneisenau beginnen lässt. Seit Januar hat die Beratungsstelle für Wohnungsnotfälle und Existenzsicherung in der Gneisenaustraße 2 ihre Büroräume eingerichtet.

Fensterblick auf Kreuzberg

Wer hierher kommt, befindet sich oftmals schon in einer Notlage oder braucht dringend Hilfe, um sie abzuwenden. Meist fehlt das Geld für das Nötigste, Miete, Strom. Viele kostet es Überwindung, eine Beratungsstelle aufzusuchen und kommen deshalb erst, wenn es schon fünf nach zwölf ist. Umso angenehmer ist das Ambiente in der Beratungsstelle der gemeinnützigen GmbH „GEBEWO pro“, die vor allem Präventionsarbeit leistet. Die Büros sind auch am frühen Nachmittag noch lichtdurchflutet, die Einrichtung mit Tischen, Stühlen, hier ein Sofa, ein paar Pflanzen, wirkt ungemein beruhigend. „Im Rahmen unseres Budgets durften wir die Ausstattung selbst wählen,“ sagt Silva Schnur, eine von vier Sozialarbeiterinnen.

Der Umgang auf den Ämtern schürt Ängste – viele verzichten auf Leistungen wegen Diskriminierung

Diese freundliche Atmosphäre wurde absichtlich geschaffen, denn ein großes Problem vieler Empfänger von staatlichen existenzsichernden Leistungen ist die herablassende Behandlung durch die überforderten Mitarbeiter in den Jobcentern in Berlin. Viele trauen sich daher gar nicht mehr, ihre Leistungen zu beantragen. Das bestätigt auch Carola Wittjen: „Betroffene entwickeln in ihrer ohnehin schon prekären Situation zusätzliche Ängste und trauen sich nicht mehr alleine aufs Amt, um die ihnen gesetzlich zustehenden Leistungen zu beantragen.“
Büro der Gebewo pro

Niedrigschwellige Hilfe auch anonym

Hier möchten die diplomierten Sozialpädagoginnen der allgemeinnützigen Beratungsstelle einen Gegenpol schaffen. Sie bieten niedrigschwellige Hilfe, auf Wunsch auch anonym. Schnell muss es manchmal gehen, denn insbesondere Männer warten gerne, bis das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. „Wir erleben Frauen als aktiver“, sagt Silva Schnur, „Sie möchten ihre Situation frühzeitig ändern und ergreifen deshalb die Initiative, indem sie Hilfe suchen und sich nach Möglichkeiten erkundigen.“ Oftmals stellt man im ersten Beratungsgespräch fest, dass das Einkommen vorne und hinten nicht reicht und es ohne unterstützende Leistungen nicht geht, gibt Carmen Lombardi zu bedenken. Auch diese Erkenntnis ist ein erster Schritt – auch wenn es ein Eingeständnis erfordert.

Die Vier haben zwischen zwei und 17 Jahre Erfahrung in diesem Bereich, kennen die Gesetze und Möglichkeiten und suchen zusammen mit den Betroffenen nach Lösungen. Wer sich zum Beispiel nicht alleine aufs Amt traut und auch keinen Freund mitnehmen kann, dem empfiehlt man eine unabhängige Begleitung für Behördengänge. Die wenigsten wissen, dass es so etwas gibt, und die Beratungsstelle hat die Kontakte zu solchen ehrenamtlichen Begleitern. Auch eine inhaltliche Vorbereitung auf das Gespräch mit dem Sachbearbeiter findet statt, so dass ein Antragsteller seine Rechte kennt und sich nicht abwimmeln lässt.

Sozialleistungen sind wichtig, der Umgang mit den Behörden schwierig

Ein wenig bedauerlich ist es schon, dass es dieser Hilfe bedarf. Das sagt viel aus über unsere Gesellschaft. Und schon kommt einem der Verdacht, dass Kalkül eine Rolle spielt im herablassenden Umgang mit Leistungsbeziehern. Wer nicht beharrlich ist, erspart der Stadt eine Menge Geld. Doch in der Beratung sieht man das weniger voreingenommen. Man ist froh, dass es Sozialleistungen gibt, auch wenn der Umgang mit den Behörden im Einzelfall nicht einfach ist.

Fehler auf den Ämtern stürzen Menschen in Notlagen

Falsch ausgestellte Bescheide, verweigerte oder zu gering bemessene Leistungen und drohender Wohnungsverlust sind die Hauptanliegen der Ratsuchenden. „Alle paar Monate werden die Gesetze geändert und ergänzt, wer da nicht auf dem Laufenden ist, macht natürlich Fehler“, sagt Elisabeth Tohermes. Sie sieht das Hauptproblem bei den Jobcentern in der mangelnden Schulung der Mitarbeiter und der ständigen Umbesetzung der Posten, wodurch keine Routine entstehen kann. Die Aufhebung der Befristung in den Ämtern ist nach Meinung der Expertinnen daher ein wichtiger Schritt in eine bessere Betreuung der Bedürftigen. Diese Befristung hatte bisher zur Folge, dass eingearbeitete Mitarbeiter in den Jobcentern nach kurzer Zeit durch nicht ausreichend geschulte ersetzt wurden. Denn die Zahl der Bedürftigen nimmt in Berlin zu, und damit das Arbeitspensum auf den Ämtern.

Die Anzahl der Geringverdiener und Aufstocker in Berlin steigt rasant

Der Niedriglohnsektor wird Jahr für Jahr größer. Es ist keine Seltenheit, dass selbst eine 40-Stunden-Woche zu wenig Verdienst einbringt in einer Stadt, in der gleichzeitig die Mietpreise stetig steigen. Günstiger Wohnraum wird knapper, Vermieter weigern sich zunehmend, an verschuldete oder Menschen ohne eigenes Einkommen zu vermieten. Wer einen Schufaeintrag hat und seine Wohnung verliert, hat fast keine Chance mehr, wieder ein eigenes Dach über dem Kopf zu bekommen. Der Teufelskreislauf ‚keine Arbeit, keine Wohnung, dadurch keine Aussicht auf einen Arbeitsplatz und deshalb keine Chance auf eine Wohnung’ beginnt. Diesen will man in der Gneisenaustraße wieder unterbrechen.
Büroraum der Gebewo
Für die Mitarbeiterinnen sind auch Härtefälle kein echtes Problem. Ruhe bewahren, heißt die erste Devise. Auch emotionaler Beistand gehört dazu. „Wer verzweifelt ist oder sich aufgegeben hat, den versuchen wir zu ermutigen und die nächsten Schritte geplant anzugehen“, sagt Carola Wittjen. Nach dem „Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz“ (ASOG) muss der Staat Wohnheimplätze zur Verfügung stellen, weiß Silva Schnur, und die Beratungsstelle hilft bei der Vermittlung, auch wenn sie selbst keine eigenen Wohnungen vermietet. „Aufgrund der Ähnlichkeit unseres Namens zu Wohnungsbaugesellschaften kommt es immer wieder zu diesem Missverständnis“, merkt Elisabeth Tohermes an.

Der Qualitätsunterschied der Wohnheime in Berlin ist groß. Das Angebot reicht von Einbettzimmern mit eigener Nasszelle bis zu 5- und mehr Bettzimmern. Insbesondere zwischen gewerblichen und sozialen Einrichtungen macht sich das bemerkbar. Auch gibt es nicht überall Betreuung durch Sozialpädagogen, die Unterstützung dabei anbieten, wieder eigenen Wohnraum zu erlangen. Wie viele Wohnungslose es in Berlin gibt, ist nicht genau bekannt. Viele sind in der Statistik gar nicht erfasst, weil sie sich über Monate oder Jahre anderweitig helfen und zum Beispiel bei Freunden übernachten. Wenn der Freundeskreis wegbricht oder es zu Konflikten kommt, brauchen diese Menschen schnell Hilfe. Besonders häufig betrifft dies Frauen, die etwa in einer abhängigen Wohnsituation plötzlich Gewalt erfahren. Sie können nicht in einem gemischten Wohnheim unterkommen, und so vermittelt die Beratungsstelle an frauenspezifische Einrichtungen, in denen es keine Männer gibt.

Gesellschaftliche Abgründe scheinen sich überall in der Stadt aufzutun, wenn man den Sozialarbeiterinnen zuhört. Oder ist doch nicht alles so dramatisch? Die Stimmung in der Beratungsstelle jedenfalls ist sonnig und herzlich, denn die Expertinnen wissen, dass es aufwärts geht, wenn man sich Hilfe holt. Da die Beratungsstelle in der Gneisenaustraße aus Zuwendungen der Sozialverwaltung für Soziales finanziert wird, arbeitet sie nicht gewinnorientiert und ist für Betroffene völlig kostenlos. Man muss noch nicht einmal einen Termin vereinbaren, sondern kann zu den Öffnungszeiten einfach vorbeikommen. Drogen und Alkohol sind nicht gestattet – auch diese Selbstverständlichkeit soll erwähnt sein –, dafür steht ein riesiges Glas Gummibärchen bereit.

GEBEWO pro
Beratungsstelle für Wohnungsnotfälle und Existenzsicherung
Gneisenaustraße 2 / Vorderhaus 3. Etage
10961 Berlin
Tel. 030-5315 6850
http://www.GEBEWO.de
Sprechzeiten:
Mo., Di., Mi.: 9-13 Uhr, Do.: 14-18 Uhr

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