„Große Gefahren sind abstrakt, deshalb müssen Katastrophen erst geschehen.“

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Die wichtigste unabhängige Organisation dieses Planeten wird 40 Jahre alt. Ohne Greenpeace wäre die Erde weniger grün

Die Geburtsstunde von Greenpeace vor vierzig Jahren war der Protest gegen Atombombentests vor Alaska. Heute steht die Organisation als Synonym für den Schutz unseres Planten und ist Beweis dafür, dass Proteste selbst gegen Politik und Wirtschaft Wirkung haben. Nun ist das Thema Nummer eins Atomkraft erneut in aller Munde. Ein Umdenken scheint endlich greifbar nahe, doch es gibt noch viel zu tun, weiß Volker Gaßner, der seit zwanzig Jahren für Greenpeace Deutschland tätig ist. Boris Nowack sprach mit ihm für den strassenfeger.
Greenpeace protestiert
strassenfeger: Herr Gaßner, nach einer Bankkaufmannslehre waren Sie als Investmentbanker tätig und haben nebenher Biologie studiert. Wie wird man fester Mitarbeiter bei Greenpeace?

V. G.: Ich komme aus Frankfurt, da macht man erst mal was Solides. Zu „Greenpeace“ wollte ich schon immer. Ich war beeindruckt von den Aktionen und dem Mut der Aktivisten, die sich für Missstände einsetzten. Ökonomie und Ökologie gehörte für mich schon immer zusammen.

sf: Was war für Sie persönlich der Grund, sich als junger Mensch für die Umwelt einzusetzen?

V. G.: Tschernobyl war der Auslöser. Wir hatten an Himmelfahrt immer ein Fußballspiel zwischen der Generation meines Vaters und meiner Generation. Aber 1986 wurde der Fußballplatz gesperrt, weil die radioaktive Belastung auf Sandplätzen in Deutschland zu hoch war. Da war ein Unfall 1.000 km weit weg und hier mussten die Plätze gesperrt werden! Das hat mich nachhaltig beeinflusst.

sf: Waren Sie am Anfang Kritik ausgesetzt? Hat man sich über die von Greenpeace lustig gemacht, wie anfangs über die Grüne Partei?

V. G.: Das zwar nicht, allerdings stand ich oft bei Informationsständen auf der Straße und musste mir als 23-Jähriger dann anhören, dass ich doch keine Ahnung hätte und erst mal arbeiten gehen solle. Ansonsten gab es viel Interesse an der Arbeit von „Greenpeace“.

sf: Wo wären Sie heute, wenn nicht bei Greenpeace?

V. G.: Ich wollte als Teenager Entwicklungshelfer werden. Vielleicht wäre ich bei einer Organisation, die zu diesem Thema arbeitet.

sf: Ihr größter Erfolg bei Greenpeace?

V. G.: Ich habe gemeinsam mit meinem Team in den letzten drei Jahren die Social-Media-Aktivitäten von „Greenpeace“ entwickelt. Wir sind nun in der Lage, Aktionen im Netz mit Aktionen auf der Straße zu verbinden. Dadurch haben sich unsere Reichweite und auch die Sichtbarkeit unserer Aktionen im Netz deutlich erhöht. Je mehr Menschen „Greenpeace“ unterstützen, umso größer wird der Veränderungsdruck auf Konzerne oder politische Entscheidungsträger.

sf: Was war das Hauptanliegen für die Gründung von Greenpeace? War es der Kampf gegen Atomkraft und ihre Folgen, wie er jetzt wieder brandaktuell ist?

V. G.: Ja, eindeutig. Eine kleine Gruppe von Friedensaktivisten des „Don’t Make a Wave Committee” machte sich mit dem Schiff „Phyllis Cormack” auf den Weg zu den Aleuten-Inseln. Vor der Küste Alaskas wollten sie einen amerikanischen Atomtest verhindern. Für die Aktion fanden die Organisatoren einen Namen, der das Programm der Expedition verdeutlicht: Green + Peace = Greenpeace. Erst später kamen dann Aktionen zum Schutz der Wale hinzu.

sf: War das größte Desaster der Untergang der Rainbow Warrior?

V. G.: Die Versenkung der „Rainbow Warrior“ durch den französischen Geheimdienst 1985, bei der unser Fotograf Fernando Pereira ums Leben kam, war ein Schock für die Organisation. Es zeigte aber auch, wie viel Gewicht die Organisation bereits hatte. Weitere Protestfahrten zum Moruroa-Atoll sollten so verhindert werden. Die Regierung Mitterand leugnete wiederholt jegliche Verwicklung in das Bombenattentat, obwohl das Gegenteil durch zahlreiche zwingende Beweise auf der Hand lag.

sf: Spätestens seit diesem tragischen Ereignis ist Greenpeace weltweit in aller Munde. Warum braucht es solche Katastrophen, um Gehör zu bekommen? Das Gleiche geschieht nun in der Atomdebatte wegen des Unfalls in Fukushima.

V. G.: Viele Gefahren sind einfach zu groß und zu abstrakt für die menschliche Vorstellungskraft. Wir möchten darauf vertrauen, dass es so schlimm nicht kommen mag. Dabei können wir Menschen viele Risiken nicht beherrschen. Greenpeace ist sehr engagiert in der Debatte um den Atomausstieg, der für uns schon 2015 machbar ist. Wir sind in großer Sorge über die Situation in Fukushima. Mit Experten sind wir zurzeit unterwegs und messen die Strahlendosis in Lebensmitteln und in der Umwelt.

Atomkraftwerke abschalten

sf: Greenpeace behauptet, dass man die Atomkraftwerke in Deutschland schon früher abschalten kann als geplant. Wie erfolgreich glauben Sie, wird Ihre Studie sein?

V. G.: Rückmeldungen zeigen, dass unser Papier von der Regierung und den großen Energieunternehmen wahrgenommen und diskutiert wird. Die Debatte um die Atomkraft ist in Deutschland neu entflammt. Aber gesichert ist der Atomausstieg noch lange nicht. Schon nach Tschernobyl gab es Ausstiegsbeschlüsse! Als es dann 20 Jahre später losgehen sollte, hat die Regierung Merkels den Ausstieg kassiert. Wir müssen also dranbleiben. Wir wollen einen echten unumkehrbaren Ausstieg einfordern, begleiten und sichern. Ein Atomausstieg in wenigen Jahren ist möglich, wenn er wirklich gewollt ist. Die große Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland will aussteigen.

sf: Wie war Ihre Reaktion, als Schwarz-Gelb die Verlängerung der Laufzeiten beschloss und somit die Entscheidung der Vorgängerregierung mit einem Handstreich nichtig machte?

V. G.: Der von Rot-Grün beschlossene Atomausstieg ging uns schon viel zu langsam und die Umsetzung hatte zu viel Spielraum. Am Tag nach der Wahl saßen wir zusammen und jeder von uns wusste, dass nun sehr viel Arbeit auf uns zukommen würde. Das Vertrauen in die Politik geht dabei schon ein Stück weit verloren.

sf: Als Kind habe ich mir das Greenpeace-Poster mit dem berühmten indianischen Sprichwort vom Geld, das man nicht essen kann, an die Wand gehängt. Wie hat sich diese Erkenntnis in den letzten zwanzig Jahren durchgesetzt? Ist nicht alles nur noch schlimmer geworden?

V. G.: Nein. Es ist nicht alles schlimmer geworden. Greenpeace und andere Organisationen haben viel erreicht, es gibt aber noch viel zu tun. Das Umweltbewusstsein ist seit damals stark gestiegen. Umweltschutz ist kein Randthema mehr. Das müssen wir nutzen, auch damit der Einschlag in den Regenwäldern der Erde gestoppt wird.

sf: Wo wäre die Erde heute ohne Greenpeace, oder hätte es dann jemand anderes gemacht? Immerhin ist Greenpeace heute selbstverständlich.

V. G.: Vielleicht würden wir heute noch über den Einsatz von FCKW diskutieren. „Greenpeace“ hatte 1991 die Lösung des ersten FCKW-freien Kühlschranks entwickelt, dessen Funktionsprinzip sich weltweit durchgesetzt hat. Oder wir hätten in Deutschland schon bundesweit das Problem von Gentechnik in Lebensmitteln und auf dem Acker. Aber „Greenpeace“ ist nicht selbstverständlich – wir müssen jeden Tag erneut für den Erhalt unserer Natur kämpfen.

sf: Das Ende des Atomkraftzeitalters ist eingeläutet. Was sind die nächsten großen Ziele?

V. G.: Bis dahin gibt es noch viel Arbeit und viele Diskussionen. Vier Wochen nach dem Beginn der Katastrophe rudern einige Politiker schon wieder zurück und haben es nicht mehr ganz so eilig. Der Druck der Energiekonzerne ist groß. Wichtig ist es, erneuerbare Energien durchzusetzen, damit am Ende nicht wieder mehr Kohlekraftwerke ans Netz gehen. Eine große Aufgabe ist es, den Klimawandel weltweit zu verlangsamen und möglichst zu begrenzen.

sf: Was kann der Einzelne am besten tun, um die Erde ein bisschen besser zu machen. Und wie kann er Greenpeace unterstützen?

V. G.: Der erste Schritt ist der Wechsel seines Stromanbieters. Der Wechsel geht leicht und kostet meist nicht mehr als fünf Euro zusätzlich pro Monat. Dafür löst man gleich zwei unserer dringlichsten Probleme: den persönlichen Atomausstieg und die Bekämpfung des Klimawandels. Also, gleich wechseln! Andere Mitmachaktionen findet man in unserer Community www.greenaction.de.

sf: Am 10. Juli wird Greenpeace International 40 Jahre alt. Wird auch in Hamburg gefeiert?

V. G.: Wir feiern in Deutschland vor allem im Herbst, wenn unser neues Flaggschiff „Rainbow Warrior III“ fertiggestellt und uns in Hamburg von der Werft übergeben wird.

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