Kennen Sie Kino wie vor hundert Jahren?

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Jakob Damms re-revolutioniert das Kino und zeigt alte Stummfilme in Handarbeit auf restaurierten Projektoren

Es sind diese Gegenden, für die Berlin von Künstlern so geliebt wird, wo sich enge Gassen und verwinkelte Sträßchen zwischen Häusern mit teils heruntergekommenen, teils hübsch renovierten Fassaden entlangschlängeln. Hier, wo man sich ohne Karte verläuft, zwischen Blumenläden, Mietshäusern, Fressbuden und Kinderspielplätzen findet man so etwas wie das Central. Ein Kino, Puppentheater und Veranstaltungsraum in Rixdorf-Neukölln, irgendwo nahe der Sonnenallee. Man muss schon genau hinsehen, damit man an den zwei Schaufenster nicht vorbeiläuft. Georg von Weihersberg spielt Chopin, steht dort gerade.
Kino Central Rixdorf

Hinten im Büro sitzt Jakob Damms und raucht. Auf dem Schreibtisch steht ein altes Laptop mit irgendeinem Linux, der Laserdrucker bläst und rauscht und klappert und druckt die Werbeplakate und das aktuelle Programm aus. „Früher konnten wir A2-Plakate im Vierfarb-Offsetdruck herstellen lassen“, klagt er. Seit dem Quartiersmanagement (QM) das Geld gekürzt wurde, fällt für sein Projekt und die meisten anderen im Bezirk die Unterstützung weg. Zwei Jahre lang brauchte er nicht betteln gehen bei Lizenzinhabern von Filmrechten und konnte professionell Werbung machen und problemlos seine Leute bezahlen, die Kinoerzähler, Musiker und Sänger. Seine Veranstaltungen waren gut besucht, nicht nur, weil sie kostenlos waren. Das war Bedingung vom QM. Inzwischen muss er Eintritt verlangen, „aber das sorgt auch für eine gewisse Selektion des Publikums“, weiß Damms. Außerdem tut es ganz gut, wenn sich herausstellt, dass sich das Kino tatsächlich selbst tragen kann, auch wenn am Ende nur eine schwarze Null steht.
Jakob Damms, Filmvorführer
Damms stammt aus Potsdam und hat in den 80ern in den Studios der Deutschen Film AG eine Ausbildung zum Filmvorführer gemacht. Einen Schein, wie das damals hieß. Nach der Wende ab in den Westen, wo er schnell Arbeit fand. Filmvorführer mit Ahnung von der Technik wurden damals wie heute gesucht. „Allerdings ist es nicht so, dass Höchstpreise bezahlt werden,“ stellt Damms klar. „Vor dem Kino stehen andere schon Schlange, die es auch können.“ Seit zwanzig Jahren arbeitet er daher als Vorführer nicht in einem festen Programmkino oder gar einem Mulitplex, sondern auf Festivals und Veranstaltungen bundesweit. „Das ist spannender und wird deutlich besser bezahlt“, betont Damms. Auf der Berlinale ist er nun seit genau zwanzig Jahren im Einsatz, wo er die Retrospektive betreut. „Ein Prestigeprojekt“, winkt er ab. „Die Berlinale ist entweder arm oder sie sind schrecklich geizig.“ Allerdings ist die Filmauswahl hier besonders. Seine schönste Retrospektive? Die von 1995. Buster Keaton. Natürlich!
Die Faszination für die alte Technik hat er sicher Kindheitserfahrungen zu verdanken. Auch der Vater war schon bei der Defa. Regisseur. Der nahm den kleinen Jakob ab und zu mit in den Schneidraum. Damms hat den Geruch noch heute in der Nase, diese Mischung aus Klebstoff, Projektoren und Azetat. Klar, dass er das Kino liebt, wie es vor hundert Jahren war. Er ist kein Filmeverschlinger, mit dem man über die neusten Blockbuster am Boxoffice reden kann. Sein Lieblingsfilm? Fitzcarraldo! Monumentalkino eben. Er liebt das Material, die Geräte, das Ursprüngliche, das Haptische am Kino. In seinen eigenen Vorstellungen bietet er deshalb Kino hautnah. Zum Anfassen. Für alle Sinne. „So ein Projektor riecht, wenn er läuft“, schwärmt Damms.
Hahn-Goerz-Projektor
Und natürlich preist er das gute alte Zelluloid. „35mm macht weniger Probleme. Es ist einfach länger erprobt und hat sich bewährt.“ Welcher Regisseur wollte ihm widersprechen. „Digital ist toll, weil man es schnell zur Verfügung hat“, räumt Damms ein,  „aber 35mm ist einfach beständiger. Eine hundert Jahre alte Kopie, wenn sie nicht gerade in der Sonne oder im Wasser lag, legt man in den Projektor ein und spielt sie ab. Bild und Ton, die Kontraste, alles so brillant wie eh und je.“
Durch Zufall stieß er vor vier Jahren auf Fragmente eines alten Hahn-Goerz-Projektors. Ein Schnäppchen. Doch nur das Getriebe stand da und wartete darauf, dass wieder jemand Filmstreifen einfädelte. Im Laufe er Zeit kaufte sich Damms Ersatzteile zusammen. Aus alten und neuen Maschinen. „Die Technik hat sich innerhalb eines Jahrhunderts so gut wie nicht verändert, daher ist alles miteinander kompatibel. Einfach fantastisch!“, schwärmt er.
Als der Projektor im Dezember 2007 einsatzbereit restauriert war, legte er einen Star Wars-Vorspann auf 35mm ein. Ein Film vom Ende der siebziger Jahre in einem Projektor von 1916! Stumm zwar, denn der Hahn-Goerz kann keine Tonspuren lesen, aber das Bild war großartig. Damals kam Damms die Idee für das Cinema Mobile. Kino an jedem Ort, wo man möchte. Er hat schon in Kirchen die Kurbel gedreht. Wo immer man den zentnerschweren Projektor aufgebaut bekommt. „Wenn mich die Volksbühne bucht, kommen die mit einem 7-Tonner mit Hebebühne“, grinst er. Das sind auch die Auftritte, die Damms immer noch nervös machen. Denn wenn alles Handarbeit ist, kann eben auch mal etwas schief gehen. In den Anfängen hat er sein Publikum mitunter schon arg strapaziert, findet er. So wie in der ersten Vorstellung, für die das Fuhrunternehmen Gustav Schöne aus der Nachbarschaft seinen Kutschenstall zur Verfügung stellte. Es kamen 140 Leute. Mit soviel Publikum hatte niemand gerechnet. Doch der Projektor war wohl noch nicht so recht bereit und Damms versaute alle sechs Kopien, die er sich von der Kinemathek geliehen hatte. Die war entsprechend sauer und lehnte drei Jahre lang alle weiteren Anfragen ab. Inzwischen bekommt Damms wieder Filme von dort und kann den Projektor in drei Minuten anfahren, inklusive Einlegen des Films.
Neben dem anspruchsvollen 35mm-Projektor besitzt er noch zwei kleinere, portablere Projektoren für 16mm und Super 8-Filme. Letztere eine längst ausgestorben geglaubte Variante und früher in vielen Haushalten so selbstverständlich vorhanden wie heute die Videokamera, um die Familie und den Urlaub am Gardasee zu dokumentieren. Doch selbst heute wird dieses Format noch in der Industrie verwendet. „Es ist viel fragiler als 35mm und aufwändiger als digital, aber eben beständiger als bloße Daten auf einer Festplatte“, erklärt Damms. „Wenn ich meine Kinder filme, mache ich das mit meiner Super 8-Kamera. Da weiß ich, dass die das in zwanzig Jahren noch anschauen können. Was meine Frau mit DV aufnimmt, kann man dann in die Tonne treten. Selbst wenn das Material hält, gibt es vielleicht keine Geräte mehr, mit denen man die Daten abspielen kann.“ Dass seine Aufnahmen ohne Ton sind, stört Damms nicht. Ihm kommt es auf die Bilder an. Obwohl es Super 8 auch mit Ton gäbe. Wie zum Beweis springt er auf und kramt aus dem Regal den ersten Star Wars-Film hervor. Auf Super 8! Mit Ton! Zwar nur eine auf eine halbe Stunde zusammengefasste Version, aber alles echt! Und es läuft! „Ein teures Sammlerstück, nicht für die öffentliche Aufführung gedacht.“
Eigene Super 8-Filme hingegen kann jedermann zu den Open Screens mitbringen, die Damms veranstaltet. Es ist eine der regelmäßigen Reihen im Central. So auch die Herrenabende, zu denen das gezeigt wird, was unseren Urgroßvätern und –müttern einst die Schamesröte ins Gesicht trieb. Das Quartiersmanagement, sagt Damms, war damals gar nicht glücklich mit dieser Reihe, weil der Titel einen Teil der Bevölkerung angeblich ausschließe. Freilich saßen nachher mehr Frauen als Männer im Publikum, die sich die von einer Kinoerzählerin live und humoristisch begleiteten Nacktfilmchen ansehen wollten.
Im Februar lief der zweite Teil einer Westerntrilogie von 1919 aus Heidelberg, „Bull Arizona“. Und Damms arbeitet hart an einer weiteren Dreierreihe, die ihm wichtig ist: „Le Moulin Maudit“ des Franzosen Alfred Machin. Dabei scheint das Projekt genauso verflucht zu sein wie die Mühle. Denn nur ein Teil liegt greifbar im Berliner Bundesarchiv, die beiden anderen Teile besitzt die belgisch-königliche Kinemathek, die königliche Preise für den Verleih verlangt. „Momentan ist das nicht bezahlbar“, fürchtet Damms.
Für den 4. Mai schließlich steht wieder der Stummfilm-Musiker-Contest an, für den sich Mutige noch bewerben können. Es gilt, einen vorher nicht bekannt gegebenen Film vor Publikum live zu interpretieren und zu vertonen. Anspruchsvoll? Aber sicher. Wirkungsvoll? Aber hallo! Damms erzählt, wie eine Pianistin den ersten Mühlen-Film, den er schon mehrfach gezeigt hat, der ihr aber völlig unbekannt war, auf eine so emotionale Weise begleitete, dass ihm beim Kurbeln am Projektor die Tränen kamen.
Weil auch die Finanzlage für Kulturprojekte in Berlin zum Weinen ist, hofft Jakob Damms auf ein Umdenken der Politik; und wünscht sich ansonsten volle Zuschauerränge und ein begeistertes Publikum.
Jakob Damms, Filmvorführer
Central Rixdorf, Böhmische Straße 46, 12055 Berlin
www.cinemamobile.de
www.central-rixdorf.de

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