„Alkohol hat an Tankstellen nichts zu suchen“ — Die Berliner Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara im Gespräch

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Angebot und Nachfrage von Drogen wandeln sich im Laufe der Zeit. Waren es früher Ecstasy und LSD, die den Menschen Kopfschmerzen bereiteten, sind es heute Spielsucht und die legalen Drogen. Cannabis bleibt weiterhin ein Problem, wird aber in Berlin zunehmend akzeptiert. Boris Nowack sprach für den strassenfeger mit der Berliner Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara, parteilos, über jüngste Entwicklungen, was geschafft wurde und was noch zu tun bleibt.

Christine Köhler-Azara

Christine Köhler-Azara


strassenfeger: Was macht Sie als Soziologin zur Fachfrau für Drogen?

Christine Köhler-Azara: Das Suchtproblem ist weniger ein medizinisches als ein biopsychosoziales. Ob jemand süchtig wird oder nicht, hat viel mit den Lebensbedingungen zu tun. Auch individuelle Faktoren spielen eine Rolle. Wie man mit Belastungen und Krisen fertig wird. Es ist ein zusammenwirkendes Dreieck. Einmal die Substanz: Inwieweit ist die Droge verfügbar und was hat sie für ein Suchtpotential? Die Umwelt: Welche Bedingungen fördern oder verhindern Sucht? Und schließlich das Individuum: Welche Interessen, Ressourcen oder Bedürfnisse, die Sucht fördern oder verhindern, hat der Einzelne?

sf: Welchen Faktor können Sie am ehesten beeinflussen?

Köhler-Azara: Die Politik muss versuchen, alle drei zu beeinflussen. Das Individuum durch Aufklärung und Prävention. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die Sucht verhindern und nicht fördern. Und wir brauchen bei illegalen Drogen auch Repression durch Polizei und Justiz, damit die Verfügbarkeit möglichst eingeschränkt ist. Man nennt das Verhaltens- und Verhältnisprävention.

sf: Sind denn die Rahmenbedingungen ideal, wenn öffentlich für Alkohol und Zigaretten geworben werden darf und an jeder Ecke ein Automat steht? In Frankreich und Italien ist das nicht mehr möglich.

Köhler-Azara: In der Tat wird in Deutschland mit Alkohol sehr freizügig umgegangen. Er ist das soziale Schmiermittel. Kinder lernen, dass Alkohol billig und rund um die Uhr verfügbar ist. Hier kann man Alkohol an der Tankstelle kaufen! Dort hat dieser meiner Meinung nach nichts zu suchen.

sf: Die Werbung dafür zu verbieten, wäre das Einfachste. Andere Staaten machen das vor.

Köhler-Azara: Wir haben versucht, auf Länderebene ein Tabak- und Alkoholwerbeverbot durchzusetzen, ohne Erfolg. Dabei belegen EU-weite Studien den Zusammenhang zwischen Werbung und der Menge Alkohol, die Jugendliche zu sich nehmen. Auch ich finde es skandalös, aber es ist eben hierzulande nicht mehrheitsfähig. Da sitzen die Lobbyisten den Parteien auf dem Schoß und machen ihre Arbeit.

sf: Hat der Staat nicht wichtigere Aufgaben, als nur aufs Geld zu schauen? Die sich ausbreitenden Spielhallen scheinen auch eher als willkommene Einnahmequelle denn als Gefahr für manche Bürger betrachtet zu werden.

Köhler-Azara: Das ist nicht nur eine Geldfrage. Das Wirtschaftsministerium, zuständig für das gewerbliche Spiel, hat normalerweise die Aufgabe, nach Arbeitsplätzen zu schauen. Die bietet auch die Automaten- und Spielhallenindustrie.

sf: Die laufen automatisch, deswegen heißen sie ja Automaten. Und der Arbeitsplatz als Spielhallenaufsicht ist wenig begehrt dank der Überfälle. Kein gutes Argument. Andererseits nehmen die Spielhallen allein in Berlin pro Tag 400.000 Euro ein, davon gehen 20 Prozent an den Fiskus. Gleichzeitig werden Spielsüchtige zu Sozialhilfefällen.

Köhler-Azara: Alle Beteiligten – die Innenverwaltung wie die Wirtschaftsverwaltung, ebenso die Stadtentwicklung – sind daran interessiert, der Gefährdung durch Spielsucht Einhalt zu gebieten. Wir sind in Deutschland Vorreiter an dieser Stelle, weil Berlin als erstes Bundesland ein Gesetz zur Regelung der Spielhallen auf den Weg gebracht hat.

sf: Warum ist es so schwer, diese Automatenhallen unter Kontrolle zu bringen?

Köhler-Azara: Weil sie unter die Gewerbefreiheit fallen und nicht in das Glückspielmonopol des Staates. Diese Automaten hingen früher nur vereinzelt in Kneipen und dienten der Unterhaltung. Man konnte aus technischen Gründen nicht viel verlieren oder gewinnen. Heute sorgt Software dafür, dass Spiele nur noch Sekunden dauern und sie sich nicht mehr von Glücksspielen in Casinos unterscheiden. Selbst der Europäische Gerichtshof bemängelt, dass Deutschland kein kohärentes System in Sachen Glücksspielsuchtprävention hat. Eigentlich müsste man das Problem im Glücksspielstaatsvertrag regeln. Da wäre ich sofort dafür.

sf: Im neuen Gesetz sollen sowohl Gewinne als auch Verluste reduziert werden und das Spiel soll länger dauern. Am Ende braucht man halt etwas mehr Zeit, um all sein Geld zu verspielen. Warum macht man es nicht gleich richtig?

Köhler-Azara: Gleichzeitig soll ja die Anzahl der zukünftigen Konzessionen begrenzt werden und der Abstand der Spielhallen zueinander soll vergrößert werden. Außerdem gibt es Initiativen zur Änderung der Baunutzungsordnung, damit es schwerer wird, Spielhallen zu eröffnen.

sf: Die Anzahl der Spielhallen wird sich also dadurch nicht verringern, um das Stadtbild wieder etwas attraktiver zu machen?

Köhler-Azara: Ob das rechtlich möglich ist, wird noch geprüft. Mir gefällt es auch nicht, dass Spielhallen ausgerechnet in den sozial schwachen Bezirken aufgemacht werden, wo die Menschen ihr weniges Geld auch noch verspielen.

sf: Wie können sich Spielsüchtige schützen?

Köhler-Azara: In den staatlichen Casinos, wo man sich am Eingang ausweisen muss, kann man sich sperren lassen. Die Häuser in ganz Deutschland sind vernetzt, dort wird man dann nicht mehr reingelassen. Wir vermuten jedoch, dass ein großer Teil der Betroffenen, selbst wenn er sich hat sperren lassen, in die Spielhallen abwandert. Dort gibt es die Möglichkeit dieser Sperre noch nicht.

sf: Ist die Klientel nicht ohnehin eine völlig andere? Hier das noble Casino am Potsdamer Platz mit Schlipszwang und dort die von außen uneinsichtigen dunklen Spielhallen in den Einkaufsstraßen.

Köhler-Azara: Nicht unbedingt. Unter den Abhängigen gibt es durchaus eine Schnittmenge. Wobei auch nicht alle, die in eine Spielhalle gehen, süchtig sind. Das hat eine Begehung in 40 Spielhallen ergeben, die unsere Fachstelle für Suchtprävention gemacht hat. Bei den Gefährdeten besteht eben das Problem, dass oft auch das Umfeld wie die Familie darunter leidet, weil ab Mitte des Monats das Geld fehlt.

sf: Wie stehen sie zu der auch von Politikern vertretenen These, man solle Cannabis endlich freigeben?

Köhler-Azara: Das ist schwierig. Deutschland hat auf internationaler Ebene Verträge unterschrieben, in denen Cannabis noch als illegale Droge gilt. Immerhin gibt es hier die Regelung, dass bei geringen Mengen ein Strafverfahren eingestellt werden kann. Wir wollen Menschen deswegen nicht kriminalisieren. Deshalb hat Berlin auch die höchsten Mengen im Eigengebrauch, die straffrei ausgehen. Abgesehen davon beobachten wir bei Jugendlichen zunehmend „Karrieren“, in denen ein Jahr vor Schulabschluss alles hingeschmissen wird, wo Lernen und Konzentration gestört sind und eine berufliche Perspektive gefährdet ist. Das hat in erster Linie mit dem Konsum von Cannabis zu tun. Auf die Entwicklung des Gehirns im jungen Alter hat das enorme Auswirkungen, daher halte ich die Legalisierung nicht für sinnvoll.

sf: Das Problem gibt es doch auch mit Alkohol.

Köhler-Azara: Deswegen gibt es das Nachhaltprojekt, bei dem Sozialarbeiter in die Krankenhäuser zu wegen Alkoholintoxikation eingelieferten Jugendlichen gehen und intervenieren, so lange diese noch empfänglich für einen Rat sind. Außerdem ist unsere Aktion „Kein Alkohol für Kinder“ (KAfKA) sehr erfolgreich, für die Mitarbeiter gezielt Kioske und Spätkäufe aufsuchen und diese informieren, auf den Jugendschutz zu achten.

sf: Welche Schichten sind vom Drogenmissbrauch besonders betroffen?

Köhler-Azara: Von Alkohol definitiv alle. Bei den Jüngeren wird in den Hauptschulen mehr geraucht und weniger getrunken und in den Gymnasien ist es umgekehrt. Heroin gilt inzwischen überall als Verlierer-Droge und ist deshalb nicht attraktiv.

sf: Die legalen Suchtmittel scheinen die größte Gefahr für die Gesellschaft zu sein und sanftes Einschränken hilft nichts, siehe löchriges Nichtraucherschutzgesetz. Also ganz verbieten?

Köhler-Azara: Wir haben mit diesem Nichtraucherschutzgesetz einen Meilenstein erreicht. In der Prävention arbeiten wir weiter mit dem Netzwerk „Berlin qualmfrei“ und mit rauchfreien Krankenhäusern zusammen. Ich maße mir nicht an, den Leuten vorzuschreiben, wie sie ihr Leben leben sollen. Das einzige, worum wir uns zu kümmern haben ist, dass Leute durch den Passivrauch nicht geschädigt werden.

sf: Viele Gastwirte lockern die Bestimmungen zu später Stunde und plötzlich wird auch im Nichtraucherbereich gequalmt, um „den Rauchern entgegen zu kommen“, wie es dann heißt.

Köhler-Azara: Das geht nicht, das können Gäste den Ordnungsämtern melden. Das ist eindeutig ein Verstoß gegen das Gesetz.

sf: Der Nichtraucher soll sich also die Prügel einfangen?

Köhler-Azara: Gesetze sind immer Kompromisse. Ich hätte auch gerne ein eindeutigeres Gesetz gehabt, es war aber damals nur dieser Kompromiss mehrheitsfähig. Man muss auch mal sehen, was wir schon geschafft haben und nicht nur, was nicht. So weit wie bei Tabak sind wir in Sachen Alkohol noch lange nicht.

sf: Welchen Rat haben Sie abschließend an Menschen, die sich bei der Bekämpfung ihrer Drogenproblems welcher Art auch immer helfen lassen möchten?

Köhler-Azara: Nutzen Sie die zahlreichen Angebote in Berlin. Etwa die der Lebensgemeinschaft Synanon, die dieses Jahr 40 Jahre alt wird. Dort kann man jederzeit hingehen und sich kostenlos und ohne Vorbedingungen helfen lassen. Aber den ersten Schritt muss man selbst tun.

sf: Vielen Dank für das Gespräch

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