Viel Rauch um viel

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In Berlin wird eine Volksinitiative für konsequenten Nichtraucherschutz von einer Initiative für Genuss torpediert. Nicht selten polemisch

Rauchen schadet der Gesundheit, denn man schlägt sich deswegen in Deutschland inzwischen die Köpfe ein. In Bayern wird der ÖDP-Politiker Sebastian Frankenberger mit dem Tode bedroht, weil er ein absolutes Rauchverbot demokratisch durchgesetzt hat, auf den Bahnsteigen in Berlin trauen sich die Angestellten aus Angst vor Gewalt nicht, die Fahrgäste an das Nichtrauchgebot zu erinnern. In der Hochburg des Rauchens mit 80 Milliarden produzierter Zigaretten jährlich werden vier Jahre nach Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes die Ausnahmen zur Regel. Während sich die Volksinitiative Frische Luft für Berlin gegen diese Ausnahmen ausspricht, möchte die Genussinitiative Berlin sie beibehalten.

Raucher auf Bahnsteig in Berlin Raucherkneipe in Berlin

Deutschland einig Tabakland

Über dem Schreibtisch im Kreuzberger Büro der Volksinitiative Frische Luft für Berlin hängt das Siegerplakat eines Wettbewerbs zum Thema ‚Deutschland Tabakwunderland‘. Das Motiv zeigt die rote Silhouette des Reichstages, darunter den Schriftzug „Sponsored by Philip Morris“. Schlicht aber genial, findet Johannes Spatz, Sprecher der letztes Jahr ins Leben gerufenen Initiative. Für ihn bedeutet der Lobbyismus in Deutschland eine Bankrotterklärung der Politik: „Er ist übermächtig geworden und bestimmt den Alltag in der Gesetzgebung.“ Er wünscht sich mehr direkte Demokratie und möchte die Politiker auf Trab bringen. Ein Raucherhasser ist Spatz trotzdem nicht, wie es seine Gegner behaupten. Auch befürwortet er die Freigabe von Cannabis. „Jeder soll selbst bestimmen, wie er sich schädigt, auch wenn ich es nicht empfehle“, beschwichtigt er. „Uns geht es um den Schutz vor Passivrauch und Nichtrauchen in Krankenhäusern und auf Kinderspielplätzen, weil die Kippen für die Kleinen tödlich sein können.“
Die Liste der Unterstützer der Initiative ist lang und vom Fach, Krankenkassen ebenso wie die Deutsche Herzstiftung. Der ausgebildete Arzt kämpft nicht erst seit kurzem gegen den Qualm an. Als Stadtrat in Wilmersdorf setzte Spatz in den 80er Jahren durch, dass das dortige Gesundheitsamt rauchfrei wurde. Aufschwung bekam die Bewegung Ende der 90er, als die Tabakindustrie in den USA zu Milliardenentschädigungen verurteilt wurde. Auch das Forum Rauchfrei, Träger der Volksinitiative, führte Prozesse und erwirkte eine Strafe gegen die Industrie, weil diese in Hohenschönhausen um Schulen herum systematisch Werbung für Tabak machte. Die Geldstrafe war vergleichsweise gering, wichtig war laut Spatz aber, dass publik wurde, mit welchen illegalen Tricks die Industrie arbeitet. Letztes Jahr wurde der Vorwärts, Parteizeitung der SPD, verurteilt, keine Tabakwerbung mehr zu schalten.
Weil das derzeitige Gesetz so löchrig wie ein Marlborofilter ist, sammelt die Volksinitiative noch bis Mitte April Unterschriften für ein strengeres Verbot. 20.000 braucht sie, 17.000 hat sie bereits. Der konsequente Nichtraucherschutz wird sich durchsetzen, ist sich Spatz sicher: „Das gehört zu einer Metropole. Viele Besucher sind erstaunt, dass es hier noch nicht so ist.“

Johannes Spatz

Johannes Spatz

Starker Tobak! Passivrauch nicht schädlich, sagt die Genussinitiative

Detlef Petereit von der Initiative für Genuss in Berlin sieht das genau andersherum. Weil Touristen in seiner Gaststätte Altberliner Stube & Küche in Spandau nicht mehr rauchen durften, musste er dichtmachen. Ein Umbau war nicht möglich. Man hat Angst vor Ausgrenzung, ja, vor Diskriminierung und Intoleranz. Auf der Website der von Wirten und Gästen getragenen Genussinitiative ist viel von ‚Antirauchern‘ die Rede. Es steht ein Flyer zum Download bereit, die Volksinitiative nicht zu unterschreiben. „Ich fühle mich durch ein Rauchverbot in meinen Freiheitsrechten eingeschränkt“, sagt Petereit. Das Argument mit der Gesundheit für andere lässt er nicht gelten, dass Passivrauch schädlich ist, sei noch nicht bewiesen: „Zeigen Sie mir einen Totenschein auf dem steht ‚Tod durch Passivrauch‘.“ Das derzeitige Gesetz ist ausreichend, sonst sterben die Eckkneipen, behaupten die Genussaktivisten. Gleichwohl müssten Übertretungen rigoros bestraft werden. Dass dies so häufig geschieht, ist für Petereit jedoch ein Signal, dass schon das aktuelle Gesetz am Willen des Volkes vorbeigeht. Im Falle eines totalen Rauchverbots sieht er keinen blauen Dunst mehr, sondern schwarz: „Der jetzt schon herrschende soziale Unfrieden wird größer werden“, warnt er.

Detlef Petereit

Detlef Petereit

ww.frische-luft-fuer-berlin.de
www.forum-rauchfrei.de
www.genussinitiative-berlin.de

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