„Kriminelle werden nicht geboren, sondern geschaffen.“

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Andreas Marquardt war einst harter Zuhälter und brutaler Geldeintreiber in Berlin, verschaffte sich über Karate Respekt und verbreitete Angst. Wo ihn ein grausames Elternhaus hineintrieb, kam er nur durch Therapie und nach einer langen Gefängnisstrafe wieder raus. Heute bringt er Menschen den Kampfsport bei und setzt sich insbesondere für Kinder ein. Interview von Boris Nowack
Andreas Marquardt, Karatelehrer & Ex-Zuhälter
Frage: Sind Sie mutig?

Andreas Marquardt: Ich denke schon. Mut ist ja relativ, sehr allgemein.

Und seit wann haben Sie diesen Mut?

Marquardt: Seit meinem sechsten Lebensjahr. Damals hat mein Vater versucht, mich umzubringen und da habe ich mir geschworen, dass mir nie wieder jemand körperlich wehtun soll. Und dann fing es an mit Kampfsport.

Sie wollten sich Respekt verschaffen?

Marquardt: Ich wollte mir und anderen zeigen, dass ich kein Schwächling bin und einer der besten der Welt im Sport werden kann.

Mut als Gegenteil von Angst. Wollten Sie anderen auch Angst einflößen?

Marquardt: Nicht als Kind. Das kam erst als Jugendlicher so mit 17, 18 Jahren dazu.

Ist man nur dann mutig, wenn man anderen körperlich überlegen ist?

Marquardt: Keineswegs. Wer sich selbst treu bleibt, hat Mut. Wer Nein sagen kann zu Fremden oder auch Freunden, die einen vielleicht zu einem Überfall oder Unsinn überreden wollen, also Gruppenzwang widersteht. Wenn die einen dann als Weichei bezeichnen und man trotzdem stur bleibt, dazu gehört auch ganz schön Mut.
Andreas Marquardt, Karatelehrer & Ex-Zuhälter
Was ist schwieriger für Kinder, das Nein gegenüber den eigenen Eltern und Verwandten oder gegenüber den Freunden?

Marquardt: Das ist sicher beides gleich schwer.

Wem Kampfsport nicht liegt, welche Möglichkeiten gibt es noch für Kinder, Selbstbewusstsein fürs Leben zu erlangen?

Marquardt: Man steht auf jeden Fall gut da, wenn man lernt, sich bildet und Bücher liest.

Früher waren Bücherwürmer für Sie Schwächlinge, auf die Sie heruntergeschaut haben.

Marquardt: Früher ja. Heute nicht mehr. Ich sehe die Dinge jetzt aus einem anderen Blickwinkel. Früher dachte ich, mit einem Buch kann man sich nicht verteidigen aber ich kann jemanden umhauen.

Was sagen Sie einem Schüler, der mit dieser Argumentation auf Sie zukommt?

Marquardt: Dem sage ich, Bildung ist genau so wichtig wie Sport. Mit einem Buch muss man niemanden umhauen. Wer liest, ist genau so mächtig wie einer, der nur die Faust führt, bloß auf andere Art.

Gerade in Ihrem Heimatbezirk Neukölln gibt es viel Gewalt unter und von Jugendlichen, Kampfsport ist da attraktiver als Bücherlesen. Wie kommt es so weit?

Marquardt: Wenn es in der Familie nicht stimmt, geht meistens alles schief. Vater und Mutter arbeitslos, er schlägt sie, der Sohn erlebt zu Hause nur Stress. Also sucht er sich in einer Gang seine Ersatzfamilie. Dort wird er respektiert und bekommt Know-How und Power. Nun kann er schlecht zurückstehen, wenn die Gang etwas Kriminelles anstellt, weil er Angst hat, wieder alleine dazustehen. Die Kinder müssen viel mehr in den großen Plan der Politik mit eingebunden werden. Sonst garantiere ich, dass es hier in zehn, fünfzehn Jahren noch viel schlimmer sein wird. Ein Krimineller wird nicht geboren, er wird gemacht, von unserer Gesellschaft.

Sie sagen von sich, dass Sie Sieger und Schisser in einer Person waren.

Marquardt: Der Sieger in mir war körperlich fast keinem Menschen unterlegen. Trotzdem hatte ich Angst, dass die Leute nicht den harten Andy in mir sehen, den ich dargestellte, sondern den normalen weichen Kern in mir. Den wollte ich aber nicht zeigen. Keinem! Deswegen habe ich keinen an mich rangelassen und hatte keine Freunde. Um ich war eine Mauer.

Sie hatten in den ganzen zwanzig Jahren Ihres Zuhälterdaseins keinen einzigen Freund?

Marquardt: Richtig. Es gab zwar Bekannte und Mitläufer, die mich hofiert haben, was ich auch genoss, aber keine Freunde. Ich wollte nicht, dass jemand sieht, der Andy ist gar nicht so eine harte Sau. Davor hatte ich Schiss.

Fehlte Ihnen der Mut, Gefühle zu zeigen?

Marquardt: Früher ging das gar nicht. Vielleicht für einen kurzen Augenblick, wenn ich ganz alleine war, aber dann habe ich mich gleich wieder höhergestellt, indem ich jemanden erniedrigt habe. Inzwischen lasse ich Gefühle zu. Heute kann ich die zeigen und darauf bin ich auch stolz.

Können Sie erkennen, wenn es einem Kind zu Hause oder woanders schlecht ergeht?

Marquardt: Ich bin aufgrund meiner eigenen Geschichte dafür sensibilisiert. Für meine Kinder bin ich eine Respektsperson und ein Freund, deswegen kommen sie auch mit Problemen zu mir. Ein Schüler wurde gegenüber Mitschülern und seiner Mutter immer aggressiver. Er erzählte mir, dass er mit elf Jahren angefangen habe zu kiffen und es gar nicht mehr lassen kann. Täglich. Mehrfach. Deshalb die Brutalität. Ich sagte ihm, er müsse da dringend raus und unbedingt mit seinen Eltern sprechen. Er hatte Angst vor Strafen, und dass sie ihn ins Heim stecken. Da versicherte ich ihm, dass seine Eltern froh sind, wenn er sich an sie wendet und bot ihm sogar an, dabei zu sein. Daraufhin versuchte er es selbst und natürlich lief alles glatt. Dank einer Therapie ist er wieder clean, besser in der Schule und dicker mit seinen Eltern.

Früher waren Lehrer mal Respektspersonen, heute bekommen viele ihre Klassen nicht mehr unter Kontrolle. Insbesondere Lehrerinnen werden von manchen muslimischen Schülern nicht respektiert. Was sagen Sie den Jugendlichen und den Eltern?

Marquardt: Wie gesagt, der Grundstein muss in der Kindheit gelegt werden. Wenn sie zu Hause lernen, dass Frauen nur in der Küche stehen dürfen und sich draußen verhüllen müssen, wie sollen sie da Respekt vor der Lehrerin in der Schule haben. Wir leben in Deutschland. Hier lebende Familien müssen sich entsprechend anpassen.

Das passt in die Sarrazin-Debatte. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Marquardt: Unser Sarrazin ist ja nicht verkehrt. Bloß, er hat als Politiker die falschen Worte gewählt. Wenn er das anders verpackt hätte, würde das auch ganz anders ankommen. Der Grundgedanke ist ja nicht schlecht.

Was ist die Lösung? Man kann ja nicht in die Familien hinschauen.

Marquardt: Es würde schon helfen, weniger zu kürzen. Vor sechs Jahren konnte ein Mitarbeiter des Jugendamts Neukölln 30 Familien betreuen. Hat geschaut, ob alles in Ordnung ist, was gebraucht wird, Hygiene, klappt es in der Schule, etc. Heute hat er 500 Familien. Wie soll er das schaffen?! Der geht gar nicht mehr raus. Der hat so viele Anträge, der macht nur noch seinen Haken und dann ist gut. Die waren mal zu 50, jetzt sind es vier Mitarbeiter.

Mit Ihrer Initiative „Helfen macht stark“ wollen Sie in die Bresche springen. Wen unterstützen Sie damit?

Marquardt: Vereine, die Kindern helfen. Behinderte Kinder, HIV-positive Kinder, und durch meine Therapie in den letzten Jahren auch Kinder, die sexuell missbraucht wurden. So bin ich auf „Kind im Zentrum“ und „neuhland e. V.“ gestoßen. Wir organisieren Charities und Sponsoren und die gesamten Einnahmen kommen den Kindern zugute. Mir ist wichtig, dass ich Einblicke habe, wo das Geld hinfließt. Am 7. Mai macht „Helfen macht stark“ wieder eine Veranstaltung. Wir sind schon auf einem guten Weg, aber suchen noch weitere Spender. Es ist so schwer, Sponsoren zu finden und die Menschen für einen guten Zweck zu und motivieren! Ich habe mir schon so viele Neins und Sprüche anhören müssen, da wünsche ich mir manchmal mein früheres Einkommen zurück.

Was wird geboten?

Marquardt: Bei 60 Euro Eintritt hat jeder Essen und Trinken am feinsten Buffet frei bei Ballatmosphäre im 5-Sterne-Haus, dazu Kulturprogramm mit Sängern, Tanzgruppe und Varieté. Das alles für 400 Leute. Dieses Jahr möchte ich die 20.000 Euro-Grenze knacken.

Stehen weitere Projekte an? Vielleicht ein weiteres Buch?

Marquardt: Das Buch Härte wird vom WDR verfilmt und kommt wahrscheinlich nächstes Jahr im Frühjahr in die Kinos. Rosa von Praunheim, mit dem ich auf meiner letzten Charity-Veranstaltung gesprochen habe, soll Regisseur sein.

Ich wünsche Ihnen und vor allem den Kindern, dass es klappt und bedanke mich für das Gespräch.
Andreas Marquardt, Karatelehrer & Ex-Zuhälter
Info und Kontakt: http://www.andreasmarquardt.de

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