Was für ein Theater! Mit Grips ganz nach oben

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So viel Erfolg ist schon fast kein Segen mehr. Das Musical Linie 1 feiert dieses Jahr runden Geburtstag

Fahr mal wieder U-Bahn, tu dir mal was Gutes an. Das ist kein Werbetext der Berliner Verkehrsbetriebe, um geprellten S-Bahnkunden den öffentlichen Nahverkehr wieder schmackhaft zu machen. So leicht würden sich die seit Jahren an der Nase Herumgeführten ohnehin nicht besänftigen lassen. Nein, die Zeilen stammen aus dem berühmtesten Berliner Musical aller Zeiten und aus der spitzen Feder Volker Ludwigs, dem nach Brecht meistgespielten deutschen Theaterautoren und zugleich Vater des Grips-Theaters, ja des Kinder- und Jugendtheaters im Allgemeinen.
Volker Ludwig, Grips-Theater
1986 uraufgeführt, standen Stück und Theater in den vergangenen Monaten immer mal wieder am Rande in den Nachrichten und das wird auch 2011 so sein. Manchmal mit traurigeren Ereignissen, manchmal mit fröhlicheren. Im November letzten Jahres starb der österreichische und in Berlin lebende langjährige Regisseur am Grips-Theater, Wolfgang Kolneder, mit gerade einmal 67 Jahren. Für den Erfolg des Theaters und der Stücke war er ebenso zuständig wie Volker Ludwig selbst. Dieser wiederum hatte im Juni zuvor bekannt gegeben, dass er im folgenden Jahr die künstlerische Leitung abgeben werde. Und die erfreulichen? Der großartige Erfolg natürlich! Am 30. April dieses Jahres feiert man Jubiläum: ein Vierteljahrhundert Linie 1! Allein dieses Stück werden bis dahin über eine halbe Million Menschen im Grips gesehen haben, in ziemlich genau 1.500 Vorstellungen.

Ludwig ist ganz bestimmt stolz, andererseits aber er kann sie wahrscheinlich nicht mehr hören, die Lobhudeleien. Zumal wenn sie stets mit der Linie 1 verbunden werden. Denn Ludwig hat vielmehr als nur das gemacht. Lieder, und über 30 weiterer Theaterstücke hat er geschrieben. Und doch bleibt die Linie 1 seine stärkste Marke und, wie er einmal gesagt hat, die Überlebensgarantie für das Grips. In nahezu 50 Ländern wurde sie aufgeführt, nachinszeniert, angepasst. Im Berliner Original sucht die weibliche Protagonistin Sunnie in Kreuzberg ihren Traumprinzen und Rockmusiker Johnnie. In Süd-Korea ist sie eine China-Koreanerin zu Besuch in Seoul und er ein berühmter Widerstandskämpfer. Und ist nicht auch jeder Rockmusiker ein Widerstandskämpfer? Oder war das mal so?

Es muss schlimmer sein als für einen Lindenstraßen-Schauspieler, der von Anfang bis Ende dabei war und tatsächlich für nichts anderes Zeit hatte. Geradezu ein Fluch. Doch Ludwig zeigt Selbstironie – schließlich kommt er ursprünglich vom Kabarett – und schrieb 2009 die Linie 2. „Der Junge im Mantel hat die Schnauze voll. Seit 23 Jahren sitzt er in der Linie 1. Nichts wie weg!“, heißt es in der Stückbeschreibung. Freilich wird auch die Linie 2 gelobt und von der Berliner Morgenpost mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet.

So erfolgreich das Theater ist, so unscheinbar ist es auch. Direkt an der U-Bahnhaltestelle Hansaplatz (Linie 9 allerdings), etwas abgelegen, klein, dunkel. Mit einem Touristenmagnet wie Linie 1 würde man längst einen Prunkpalast in der Friedrichstraße oder am Ku’damm erwarten. Es ist fast so, als würde Michael Mittermeier nur in den Wühlmäusen auftreten, statt wie inzwischen ganze Stadien zu füllen. Als ob ein Hans Leyendecker nicht für die Süddeutsche sondern für eine Schülerzeitung schreibt. Eine renommierte zwar, die kritische Artikel über ein unterfinanziertes Bildungssystem bringt und Saufgelage im Lehrerzimmer aufdeckt, aber eben eine für Kinder, für einen kleinen Kreis, fast mehr zum Selbstzweck als für den Broterwerb.

Axel Prahl, der auch am Grips spielte, schrieb über dieses Theater, dass es Stücke zeigt, die den Menschen etwas zu sagen haben, ohne jedoch den Zeigefinger zu erheben. Kinder, Menschen, die Zuschauer werden ernstgenommen und mit Respekt behandelt. Das geht viel besser im kleinen Kreis, dazu braucht es keine Broadway-Dimensionen. Nicht allen reicht das freilich. So war das Grips für manche heute in Film und Fernsehen erfolgreiche Schauspieler ein Sprungbrett für die Karriere, so wie es die taz für manche Autoren ist. Dort arbeiten zu dürfen ist schon ein kleiner Ritterschlag, keine Frage. Und wer seine Rüstung mit guter Arbeit poliert, wird bald von einem angesprochen, der mehr Geld bietet und womöglich auch keinen schlechteren Ruf hat. Das eingeschworene Ensemble, den Regisseur oder den Drehbuchautoren schmerzt so etwas mitunter. Auch keine Frage. Aber das ist kein Grund zur Veranlassung. Kaputtgehen ist keine Kunst. Kaputtgehen ist das Allereinfachste. Scheintote gibt es viele in Berlin.
Ansonsten ist es immer noch so wie 1986: Wer aus der Provinz nach Berlin kommt – und sein wir ehrlich, in Deutschland ist alles außerhalb Berlins Provinz –, der ist begeistert und überwältigt von der Vielfalt (und zuweilen auch der Einfalt) der Menschen und Themen, und besonders gut kann man das bei einer Fahrt mit der U-Bahn erfahren. In echt oder im Grips. Berlin, ich hasse dich. Berlin, ich brauche dich. Berlin, …

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