Eiskalte Gesellschaft, eiskalte Temperaturen. Im Winter kommt es doppelt hart

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Neben der Gefühlskälte einer oft gnadenlosen stets auf den eigenen Vorteil schielenden Gemeinschaft sind Obdachlose im Winter auch echter Kälte ausgesetzt.

Eine Studie der Universität Bielefeld legte unlängst zutage, mit welcher Gefühlskälte und Verachtung die Ärmeren und andere Minderheiten in Deutschland insbesondere von Reichen bedacht werden. Weil sie – so irrsinnig das klingen mag – als Konkurrenten angesehen werden. Dabei kann es jeden treffen. Jeder kann abstürzen. Das lernte ich aus einem Gespräch mit der Ärztin Jenny De la Torre, die in der Pflugstraße 12 in Berlin Mitte das Gesundheitszentrum für Obdachlose betreibt. Zu ihr kommen Arbeits- und Obdachlose genauso wie Akademiker, die eben noch einen gut bezahlten Job hatten und durch ein unerwartetes Ereignis aus der Bahn geworfen wurden. Meist dreht es sich um hohe finanzielle Verluste, die den Ruin bedeuten oder den Verlust eines liebgewonnenen Menschen, durch Scheidung etwa oder ein Unglück. Wer nicht stark genug ist und sich nicht helfen lässt, landet schnell auf der Straße. Ich mache mich auf den Weg in die Stadt, um Orte zu suchen, die Menschen ohne Hab und Gut bei dieser Kälte aufsuchen können.

Gesundheitszentrum für Obdachlose

Gesundheitszentrum für Obdachlose


In der Bahnhofsmission am Zoo werden gerade die Tische geputzt, die letzten Bedürftigen verlassen den Raum. Hans-Jürgen Papke steckt das schnurlose Telefon in seine Hemdtasche. Er koordiniert heute und muss immer erreichbar sein. Auch er bestätigt, was in den letzten Wochen in der Presse zu lesen war: Die Zahl der Bedürftigen steigt stetig. Komisch, wo doch von Aufschwung die Rede ist und den geringsten Arbeitslosenzahlen seit zwanzig Jahren. Wo fließt das ganze Geld nur hin? Soziale Projekte jedenfalls sind zunehmend von Kürzungen betroffen. Die Leute von der Bahnhofsmission tun, was sie können, aber es gibt zur Zeit viel zu wenige ehrenamtliche Helfer. Auf die ist die Mission angewiesen. Zwar kommen vormittags auch ein paar Ein-Euro-Jobber und schmieren Brote vor – „Sonst schaffen wir später den Ansturm gar nicht alleine“, sagt Papke – aber das Gros der Mitarbeiter besteht aus unbezahlten Helfern. Die Bahnhofsmission gibt nur Essen aus, Schlafplätze bietet sie nicht an, aber jede Menge Infomaterial und Tipps, wo man am besten hingehen sollte. Papke empfiehlt mir die Lehrter Straße am Hauptbahnhof.
Obdachloser im Vorraum einer Bank
Gerade will ich los, als ich Manfred entdecke. Das erste Mal sah ich ihn gestern mit dem Kleingeldpappbecher in der Hand im Vorraum einer Bank im Prenzlauer Berg, wo er sich aufgewärmte. „Die Notunterkünfte sind ja alle belegt“, sagte er mir da. Jetzt hat er einen neuen Rucksack mit ein paar Klamotten und einer Isomatte von der Mission bekommen, außerdem wurde ihm ein Platz in der Notunterkunft Franklinstraße vermittelt. Ich darf ihn dorthin begleiten.
Auf dem Weg zur Linie U2 erzählt er mir, dass er seit sechs Tagen in Berlin ist und seither auf der Straße lebt. Angeblich hat er in Hamburg eine Wohnung und eine Arbeit als Scherenschleifer. Sein Gesicht ist faltig, traurig, der Schnauzbart unordentlich. Wie jemand, der letzte Woche noch ein Auskommen hatte, sieht er eigentlich nicht aus, aber ich weiß nicht, was ich von dem glauben soll, was er erzählt. Er ist wegen der Beerdigung seiner Mutter nach Berlin gekommen. Die ist übermorgen. „Weil ich der älteste Sohn bin, musste ich fast das ganze Begräbnis bezahlen. Mein Bruder kriegt Hartz IV, da ist nichts zu holen. Weißt du, was so ein Begräbnis kostet? Mehr als ’ne Hochzeit!“, beschwert er sich.
Die Notübernachtung Franklinstraße der Caritas und der Stadtmission ist zehn Minuten Fußmarsch vom Ernst-Reuter-Platz entfernt. Mit wenigen Unterbrechungen wird hier seit über 55 Jahren Obdachlosen ein Schlafplatz angeboten, inzwischen sind es über 73 Betten in kleinen Mehrbettzimmern. Es mutet gemütlich an, wie ein Hostel. Jürgen Mark, ein großer Mann mit grauen Haaren und akkurat gestutztem Bart sitzt am Empfang. „Keine Zeit“, sagt er, jetzt trudeln ständig Gäste ein. Zwei kommen gerade zur Tür rein, einer schwankt etwas. „Erst eintragen“, sagt Mark und stemmt den Zeigefinger auf eine Liste. Der Angetrunkene spricht nur gebrochen Deutsch und versteht die Parole wohl nicht. „Was?“, zischt er und nickt dabei in Richtung Empfang. Es klingt aggressiv, ich sehe schon die Fäuste fliegen. „Da lasse ich auch nicht mit mir reden“, erwidert Mark bestimmt. Ich bin erstaunt, wie wenig kooperativ einige Bedürftige sind und für wie selbstverständlich sie die Hilfeleistungen betrachten. „Für manche ist das hier eine große Party“, sagt Mark. „Gibt es mehr Stress mit Ausländern?“, will ich wissen. „Überhaupt nicht, das hält sich die Waage.“ Denke ich mir. Die Armen bilden vermutlich einen ähnlichen Schnitt durch die Gesellschaft wie die oberen Zehntausend. Und Arschlöcher gibt es eben überall. Der Gast trägt brav seinen Namen ein und darf sich hernach auf ein gemachtes Bett freuen, bis er um 8 Uhr morgens wieder das Haus verlassen muss.
Ich hingegen mache mich auf den Weg in die Lehrter Straße, dort gibt es eine große Schlafgelegenheit für Obdachlose. Vor der blauen Eisentür im Keller stehen ein knappes Dutzend Männer, drei haben ordentlich Hochprozentiges intus, ich höre nur osteuropäische Sprachfetzen und blicke in müde aber freundliche Gesichter, viele mit mächtig schlechten Zähnen. Daniel, ein hauptamtlicher Mitarbeiter der Stadtmission sagt mir an der Tür, dass erst ab 21 Uhr Einlass ist und dass im Hintergrund gerade viel Betrieb herrscht. Es wird wieder übervoll werden heute Nacht. Die 60 Plätze sind zu dieser Jahreszeit stets mehr als doppelt überbelegt. Aber wer sich an die Regeln hält – kein Alkohol, keine Gewalt, keine Drogen oder Waffen – der wird auch nicht abgewiesen. Es findet sich immer eine Lösung. Da schlüpft ein Mann durch die Türe ins Innere, den ich schon einmal gesehen habe. Ich erkenne ihn am grauen Rauschebart, seinen freundlichen Augen und … natürlich an seinem Koffer. „Jesus-Peter“, zwinkert mir Daniel zu. Peter Salzmann ist einer der ehrenamtlichen Helfer, die diese Einrichtungen so dringend brauchen. Vor knapp zwei Jahren habe ich Peter schon einmal getroffen. Am Ostbahnhof viel er mir mit diesem riesigen Koffer mit der Aufschrift „Frage mich nach Jesus“ auf. Stattdessen fragte ich ihn, ob ich ein Bild von ihm machen dürfe. Er verabschiedete mich damals mit einem Händedruck so kräftig, dass ich wortwörtlich beeindruckt war. Wie gut, dass es starke Menschen gibt, die etwas von ihrer Kraft an andere weitergeben, indem sie helfen.
Jesus Peter
Drei U-Bahnhöfe halten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in den kalten Monaten nachts offen und bieten so einen Unterschlupf für Obdachlose. Richtig warm ist es dort auch nicht und es zieht wie Hechtsuppe, aber man ist wenigstens nicht der unmittelbaren Kälte ausgesetzt. Bei minus zehn Grad und abwärts kann das tödlich sein, ohne dass man es merkt. Man schläft einfach ein, vielleicht noch etwas betäubt vom Alkohol. Der spielt in der „Szene“ eine große Rolle. Am Hansaplatz an der U9 stehen drei Männer neben dem Kiosk, ein Hund liegt in Decken gehüllt in der Ecke. Auf dem weißen Bistrotisch steht billiger Fusel in kleinen Fläschchen.
Coffee and cigarettes
Beim Türken hole ich mir ein Bier und geselle mich dazu. Über das Bier kommt man ins Reden, aber Misstrauen ist da. „Bist wohl auf Elend und Sensationen aus, was?“, fragt einer der Männer, während er sich eine Zigarette rollt. „Dafür sind die zuständig“, antworte ich und deute auf die zusammengefaltete B.Z. vor ihm. „Die les’ ich gar nicht“, antwortete er trotzig, „die dient mir nur als Unterlage“, und stellt zum Beweis den dampfenden Plastikbecher darauf ab. Keiner der drei ist obdachlos und trotzdem stehen sie seit 13 Uhr hier in der Kälte. Kleine Rente, Arbeitslosigkeit, Knasthistorie, eine sichere und glückliche Existenz sieht anders aus. Der Rentner erzählt mir bei heftiger Schlagseite, dass es ihm mal richtig gut ging. Ich schwanke mit im Takt, um ihm zu folgen. Studium an der Militärakademie, Soldat, dann Selbständiger. Neue Autos waren kein Problem. Dann Scheidung. Ich muss an das denken, was mir die Ärztin De la Torre über ihre Klientel und die Gründe für den sozialen Abstieg gesagt hat.
Hund im Schlafsack
„Kennst Du Helmut Schmidt?“, fragt mich der Rentner. „Den Politiker? Sicher.“ „Hat bei uns im Haus Orgelspielunterricht genommen. Später war er dann mein Verteidigungsminister. Da stand ich also zur Zeremonie am Brandenburger Tor, als mich Schmidt in den Ellenbogen kniff und fragte ‚Wie geht’s dem Vater?’“
Wie klein die Welt doch ist. Da kreuzen sich mehrmals die Wege zweier Menschen, und am Ende des Lebens ist der eine ein weltberühmter Politiker und der andere Alkoholiker. „Willst du mal einen echten Obdachlosen sehen?“, fragt mich der mit der Zigarette, die er inzwischen raucht. „Ich weiß, wo einer liegt.“ Ich komme mir vor wie in einem Zirkus. Einer Freakshow. Und fange plötzlich an, mich zu schämen, dass ich etwas über die Sorgen dieser Menschen erfahren wollte. „Nein, danke“, lehne ich ab. Allein vom Rumstehen ist mir eiskalt geworden. Wie das wohl erst nachts ganz ohne Bewegung sein muss. Und ohne Obdach. Ich trete die Heimreise an und wünsche den Herren noch eine gute Zeit. „Weichei“, sagt der Raucher zum Abschluss. Recht hat er.

www.delatorre-stiftung.de
www.berliner-stadtmission.de
www.notuebernachtung-berlin.de
www.kaeltehilfe-berlin.de
Kältebus (21 Uhr bis 3 Uhr) 0178-523 58 38

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